Fortbildung
Beziehung statt Hektik: Haltungskraft als Betreuungsqualität
Wenn der Dienstplan platzt und die Zeit knapp wird, zeigt sich die wahre Qualität in der Betreuung: Haltungskraft. Sie ermöglicht es, auch unter Druck empathisch, präsent und handlungsfähig zu bleiben – ein unverzichtbares Fundament für Betreuungskräfte in Zeiten wachsender Anforderungen.
Was Haltungskraft wirklich bedeutet
Haltungskraft ist mehr als ein Schlagwort – sie ist die Fähigkeit, in herausfordernden Situationen innerlich stabil zu bleiben und echte Beziehung zu ermöglichen. So beschreibt es Aktivieren-Autorin Minh Luis in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Aktivieren. Anders als in Lehrbüchern beschrieben, stammt dieser Begriff aus der Praxis und bezeichnet die Kompetenz, auch unter Druck empathisch und handlungsfähig zu bleiben, ohne sich selbst zu verlieren. „Es geht nicht darum, alles auszuhalten, sondern in sich zu ruhen, während um einen herum Hektik herrscht“, weiß Luis, die die Betreuung im Haus Stephanus leitet und Mitarbeitende in den Einrichtungen des diakonischen Trägers Gfde regelmäßig schult.
In der Betreuung von Menschen mit Demenz, Depression oder Angst werden Mitarbeitende täglich mit komplexen Emotionen und Biografien konfrontiert. Beziehungspflege braucht Zeit – doch genau diese ist oft knapp bemessen. Hier wird Haltungskraft zur entscheidenden inneren Ressource, zum „psychischen Immunsystem“. Wer sie entwickelt, brennt nicht aus, sondern bleibt berührbar und authentisch, auch im fordernden Alltag.
Die Unterscheidung zur Resilienz ist wichtig: Während Resilienz oft die Fähigkeit zur Abgrenzung betont, fragt Haltungskraft: Wie bleibe ich in Beziehung, wenn es schwierig wird? Wie führe ich mit Klarheit, wenn Unsicherheit überwiegt? Sie ist das innere Rückgrat in einem Berufsfeld, das zu oft auf bloßes Zeitmanagement reduziert wird.
Führung mit Haltungskraft entwickeln
Für Leitungskräfte bedeutet Haltungskraft laut Luis eine doppelte Aufgabe: Sie müssen sie nicht nur vorleben, sondern auch Bedingungen schaffen, unter denen sie im Team wachsen kann. Einfache Rituale wie die Frage „Wofür bin ich heute dankbar?“ oder „Was hat mich zu diesem Beruf gebracht?“ schaffen wichtige Anker im hektischen Alltag. Sie erinnern daran, dass professionelle Betreuung nicht nur im Tun liegt, sondern im Sein.
Auch bewusste Pausen sind kein Luxus, sondern Voraussetzung für Haltungskraft. Ein Satz wie „Ich bleibe bei dir“ ist kein leeres Versprechen, sondern Ausdruck innerer Stärke. Haltung zeigt sich zudem im Umgang mit Fehlern: Wer statt Schuldzuweisungen fragt „Was lernen wir daraus?“, baut eine Kultur des Vertrauens auf.
Supervision kann als Resonanzraum dienen, in dem Belastungen geteilt und sortiert werden können. Wenn Teams gemeinsam auf Fallgeschichten blicken – nicht um zu bewerten, sondern um zu verstehen – wächst Verständnis und Empathie. Auch das Flow-Konzept nach Mihály Csíkszentmihályi findet hier Anwendung: Diese Momente völliger Vertiefung zeigen sich in der Betreuung oft unscheinbar, etwa wenn ein Blick Resonanz auslöst oder ein Lied plötzlich Verbindung schafft.
Haltungskraft als Antwort auf Systemherausforderungen
Im vom Fachkräftemangel angespannten Umfeld wird Haltungskraft zur zentralen Ressource. Sie ermöglicht es, trotz hoher Arbeitsbelastung und emotionaler Herausforderungen, eine empathische und professionelle Beziehung zu den Bewohner:innen aufrechtzuerhalten. Führungskräfte müssen daher nicht nur organisatorische Aufgaben bewältigen, sondern auch eine Kultur der Wertschätzung fördern.
Die Salutogenese nach Aaron Antonovsky bietet hier einen wertvollen theoretischen Bezugspunkt. Sie fragt nicht nach der Ursache von Krankheit, sondern danach, was Menschen gesund hält. Die drei Faktoren – Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit – lassen sich direkt auf die Betreuungsarbeit übertragen: Mitarbeitende brauchen Klarheit über Erwartungen, Ressourcen zur Bewältigung und eine innere Verbindung zur eigenen Aufgabe.
Mehr dazu lesen Sie in der aktuellen Aktivieren. Ideen für Betreuungsangebote finden sich in der Ideendatenbank des Portals AktivierenPlus. Der Zugang ist mit dem Abonnement der Zeitschrift bereits im Preis integriert und nach einmaliger Registrierung unbegrenzt möglich.
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