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Krankschreibungen auf den Grund gehen

Das Wochenende steht vor der Tür, dann kommt der Anruf: „Mir geht’s nicht gut, ich bin bis Montag krankgeschrieben“. Einrichtungsleitung Lydia Kassing hat die ständigen Ausfälle hinterfragt. Sie fand nicht nur die Ursachen heraus, sondern konnte auch den Krankenstand reduzieren.

Lydia Kassing leitet das Resi Stemmler Haus des Marien-Hospitals Euskirchen. Foto: Resi Stemmler Haus

Wie kam es dazu, dass Sie anfingen, den Krankmeldungen auf den Grund zu gehen?

Als ich 2018 die Leitung der Einrichtung übernahm, sind wir von der Verrichtungsorientierung zur person-zentrierten Pflege gewechselt. In dieser Situation fiel mir auf, das es regelmäßig Krankmeldungen fürs Wochenende gab. Ab Donnerstag ging das los, Woche für Woche. Und die kamen nicht von Mitarbeitenden, die keine Lust gehabt hätten, zu arbeiten. Ich habe natürlich nachgefragt, woran das liegt, erhielt aber zunächst keine plausiblen Erklärungen.

Und wie haben Sie es dann geschafft, die Ursachen herauszufinden?

Ich bin drangeblieben, habe immer mal wieder vorsichtig nachgefragt und zunächst auch einfach viel beobachtet. Wenn jemand aus dem Krank zurückkam, habe ich gefragt, wie es der Person geht und dann aber vor allem zugehört und akzeptiert, was war. Die Mitarbeitenden haben sich irgendwann geöffnet, weil sie spürten: Die schimpft mich nicht aus, verwendet das nicht gegen mich, auch nicht im Nachhinein. Die nimmt mich ernst und die Situation an. So habe ich dann erfahren: Da ist ein Bewohner, der schlägt um sich! Was soll ich mit dem machen, allein am Wochenende? Es gab sehr viele Ängste und Unsicherheiten.

Weil die Mitarbeitenden ihrer Arbeit nicht gerecht werden konnten?

Das war ein Thema, ja. Die Mitarbeitenden waren unsicher, wie sie mit Menschen mit Demenz bei besonderem Ausdrucksverhalten fachlich sicher umgehen sollten. Gleichzeitig waren sie von der Verrichtungspflege gestresst: Das ständige Müssen-Müssen-Müssen, etwa dann-und-dann-gegessen-haben-müssen, das baut unheimlich Druck auf. Und der verstärkte sich, wenn etwa ein Mensch mit besonderem Ausdrucksverhalten sich da nicht reinpressen ließ und beispielsweise seinen Becher wegwarf, um klarzumachen: Ich will das jetzt nicht. Das stresste die Mitarbeitenden und machte Angst. Wenn dann noch jemand am Wochenende mit einer Kollegin eingeteilt war, die auch unsicher war, entstand schon im Vorfeld das Gefühl: Wir schaffen das nicht.

Wie sind Sie dem begegnet, was haben Sie gemacht?

Zunächst haben wir eine Trainerin für Demenz reingenommen, Frau Klee-Reiter. Und dann haben wir ab 2018 ganz viel geschult: Wie verstehe ich Menschen mit Demenz? Durch die Schulungen erfuhren die Mitarbeitenden, dass sie einen anderen Zugang finden können. Dieses Gefühl: Ich kann die Situation für mich handhabbar gestalten, das geht durchaus. Das macht sehr viel aus. Inzwischen stellen wir den Menschen ins Zentrum, passen uns daran an, was der Bewohner oder die Gruppe braucht. Dadurch müssen wir nicht mehr gegen Widerstände arbeiten, die durch die Verrichtungsorientierung hervorgerufen wurden. Von 2021 bis 2023 haben wir dann im Projekt OPESA (Optimierung Psychopharmaka in stationären Altenpflegeheimen) sehr viel dazugelernt. Und wir sind am Projekt PfleMeO (mental ermunternde Organisationen) beteiligt, das nicht nur Bewohnende, sondern auch Angehörige und Mitarbeitende in den Blick nimmt. Die Methoden, die wir da gelernt haben, sind extrem hilfreich.

Inwiefern? Was hat Methodenkompetenz mit einem hohen Krankenstand zu tun?

Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass man als Leitung ganz viele Methoden kennt. Es ist essenziell, dass man trennen kann zwischen den eigenen Gefühlen und Reaktionen des Genervt-Seins bei der nächsten Krankmeldung und einem sachlichen Umgang damit. Wir schauen beispielsweise einmal pro Woche im Team: Was stört mich gerade? Und wie können wir das anders machen? Oft sind das Kleinigkeiten, banale Dinge wie Kaffeetassen, die nicht weggeräumt werden. Die sind aber wichtig, um durch den Tag zu kommen! Durch die Methoden aus dem Projekt kommen wir immer wieder auf die Sachebene und üben, da lösungsorientiert ranzugehen. Mithilfe gewaltfreier Kommunikation trainieren wir, anzusprechen, was uns beschäftigt. Diese Methodenvielfalt hilft tatsächlich! Und mehr Fachlichkeit in der Pflege hilft auch. Das zeigt sich daran, dass bei uns seit 2020 alle Stellen besetzt sind. Und daran, dass der Krankenstand gesunken ist: Vor Beginn meiner Tätigkeit lagen wir bei 574 Krankheitstagen, 2023 waren es noch 424.

Ist es wirklich nur das Darüber-Reden, das so viel ausmacht?

Es ist doch eigentlich logisch: Wenn ich als Mitarbeiterin auf Dauer gegen meine eigenen Werte handeln muss oder Situationen mir nicht guttun, ist es vorprogrammiert, dass ich krank werde. Für die Leitung bedeutet es letztlich weniger Stress, auch in Bezug auf die Dienstplanung, wenn man Mitarbeitende nicht ständig in solche Situationen drängt! Wir schauen zum Beispiel auch, wer gut miteinander arbeiten kann. Wenn ich den Tag mit jemandem verbringen muss, mit dem ich dauerhaft nicht gut klarkomme, melde ich mich auch krank. Oder wenn ich schon vorher weiß, dass ich nicht genug Pausen machen kann: Da liegt es doch nahe, dass ich anfällig werde. All das kann ich größtenteils verhindern, wenn ich nicht nur person-zentriert pflege, sondern auch person-zentriert führe. Das vorzuleben, ist letztlich Gesundheitsprävention.


Die Fragen stellte Anna Kiefer