News
Sexualität bleibt im Alter wichtig
Sexuelle Erfüllung ist nicht nur jungen und attraktiven Menschen vorbehalten. Und auch im Pflegeheim findet Sexualität in all ihren Facetten statt.
Von Hannah Burgmeier und Judith Burgmeier
Sexualität im Alter: Sexualität und sexuelles Wohlbefinden sind für die meisten Menschen ein elementares Grundbedürfnis. Neben Fruchtbarkeit sind weitere Funktionen von Sexualität Lust, Beziehung, Gesundheit und Identität. Eine erfüllende Sexualität ist nicht exklusiv jungen, vitalen, attraktiven Menschen vorbehalten, obwohl dies in den Medien und unserer Gesellschaft oft vermittelt wird. Sexualität ist für die breite Mehrheit der Menschen über die gesamte Lebensspanne hinweg von Bedeutung, und dieser Stellenwert bleibt selbst im fortgeschrittenen Alter und in Situationen mit kurz- oder langfristigem Pflegebedarf erhalten, das zeigen uns unterschiedliche Studien. Sexualität ist in diesem Zusammenhang sehr unterschiedlich in ihrem Ausdruck und Ausprägung. Sie kann von Solosexualität über penetrativen Sex, bis hin zu Streicheln, Küssen, Massagen, sexuelle Gespräche, Flirts, sexuelle Fantasien, dem Schauen von erotischen Filmen oder expliziter Pornografie, reichen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert das sexuelle Wohlbefinden als ausdrücklichen Bestandteil sexueller Gesundheit.
Bestandteil pflegerischen Alltags
Die gerade aufgezeigten Indikatoren sprechen dafür, dass Sexualität in den unterschiedlichen Facetten selbstverständlicher Bestandteil unserer Gesellschaft ist und damit auch Bestandteil pflegerischen Alltags, dennoch ist es ein Tabu, über welches es nicht gesprochen wird. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und Teilhabe ist geschriebenes Gesetz und doch findet gerade in Situationen, in denen Menschen auf kurz- oder langfristige Pflege angewiesen sind keine Unterstützung statt, um den Menschen zu ebendiesem Recht zu verhelfen und damit einen Beitrag zur individuellen sexuellen Gesundheit zu leisten. In der Regel wird das Thema Sexualität im Gesundheits- und Pflegealltag erst relevant, wenn ein Ereignis in Bezug auf Grenzüberschreitung stattgefunden hat. Um Menschen mit Pflegebedarf zu ihrem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu begleiten, benötigt es neben einem sexualfreundlichen Einrichtungskonzept, welches gleichermaßen Schutzkonzepte für Gewaltprävention, auch in sexueller Weise vorsieht, verschiedene Handlungsebenen.
Sexualität als gesundheitsförderndes Instrument
Wenn wir lernen, über Sexualität als gesundheitsförderndes Instrument zu sprechen, schaffen wir es, Menschen zu ihrem Recht nach sexueller Selbstbestimmung zu verhelfen. Sensibilisierung, Fortbildung und Seminare mit dem Ziel, Sexualität besprechbar zu machen und damit eine adäquate sexuelle Bildung für Pflegepersonal und alle am Versorgungsprozess beteiligte Personen zu vermitteln, hilft, Sexualität zu enttabuisieren und über Sexualität, wie auch über andere (Grund)-Bedürfnisse, zu sprechen. Die Sensibilisierung und Fortbildung im Bereich von Sexualität in der Pflege haben den Mehrwert, überhaupt erst einmal zu erkennen, wie relevant das Thema Sexualität im pflegerischen Alltag ist. Themen wie Aufklärung von Menschen mit Pflegebedarf zu Möglichkeiten der selbstbestimmten Sexualität, wie auch die Anleitung des pflegenden Bezugssystems sind dabei elementar.
Für eine sexualfreundliche Umgebung sorgen
Sexualität beinhaltet wie in der Einführung angedeutet, so viel mehr wie der rein sexuelle Akt. Neben einer positiven Grundhaltung zum Thema können beruflich Pflegende viel dazu beitragen, Menschen mit Pflegebedarf bei ihrer selbstbestimmten Sexualität zu unterstützen und somit aktiv für eine sexualfreundliche Umgebung zu sorgen. Beispiele hierfür sind vielfältig und reichen von Räume öffnen um über Sexualität zu sprechen (als Bestandteil der pflegerisch-medizinischen Anamnese) über die Kooperation mit Sexualbegleiter:innen und Sexarbeiter:innen bis hin zur Bereitstellung von Sextoys und speziell ausgewiesenen Räumen zur Auslebung der eigenen Sexualität und vieles mehr.
Rechte am Schutz des eigenen Körpers
Es wurden nun bewusst die positiven Aspekte von Sexualität in den Vordergrund gestellt. Lebenslust und Sexualität als Grundbedürfnisse in der Pflege darzustellen ist jedoch in Literatur wie auch in der Praxis eher die Ausnahme. Zum Menschenrecht auf selbstbestimmte Sexualität gehören ebenfalls die Rechte am Schutz des eigenen Körpers. Im Kontext der Pflege geht es vor allem um zwei Aspekte von Schutz: Um den Schutz vor sexueller Gewalt und um den Schutz Anderer vor eigenem sexuell unangemessenen Verhalten. Durch die aktive Schaffung einer sexualfreundlichen Kultur in den Pflege- und Gesundheitsreinrichtungen ist ein präventiver Ansatz gegeben, der dazu dient, diese Schutzkonzepte umfassend zu etablieren. Einrichtungsinterne Schutzkonzepte sehen ebenso Handlungsabläufe bei grenzüberschreitendem Verhalten vor und sorgen hiermit für Klarheit, Sicherheit und Transparenz bei allen Beteiligten.
Sprechen über sexuelle Vielfalt
Das Recht auf selbstbestimmte Sexualität und selbstbestimmte Identität ist im pflegerischen Bereich sehr sensibel. Gerade in Situationen, in welchen die Selbstbestimmung auf Grund der Abhängigkeit von anderen Personengruppen eingeschränkt wird, ist die Motivation von vielen Menschen, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten, um keine zusätzlichen „Probleme“ zu machen. Dies betrifft insbesondere auch Personengruppen, welche sich selbst als queer bezeichnen. Das Sprechen über sexuelle Vielfalt, von Beginn an, also schon bei der Aufnahmesituation, schafft für viele queere Menschen Sicherheit, dass diese in der Einrichtung sie selbst sein können. Daher ist gerade hier die Sprache DAS Werkzeug der Sensibilisierung und kann im Gegenzug DAS Werkzeug der Diskriminierung sein. Wichtig ist hierbei, offen zu sein für jedes Bedürfnis und damit verbunden für jede Person. In sensiblen Settings, wie es Pflegesituationen in der Regel sind, hilft es insbesondere, einen Raum für Gespräche über Sexualität und geschlechtliche Vielfalt beispielsweise in die pflegerischen Versorgungen miteinzubauen, um die Offenheit für das Thema und damit für alle Menschen, unabhängig der sexuellen Identität zu signalisieren.
Als Kontinuum betrachten
Sexualität in der Pflege sollte als Kontinuum betrachtet werden. Auf diesem Kontinuum kann es zu Grenzüberschreitungen kommen, Sexualität kann auf diesem Kontinuum aber auch Lebensqualität positiv beeinflussen und ist somit ein Ansatz von Gesundheitsförderung und Prävention. Nur ausreichendes Wissen in Form von nachhaltigen Fortbildungsangeboten für das Gesundheitswesen auf allen Ebenen und Sensibilisierung in allen Berufsgruppen schafft es, Sexualität besprechbar zu machen und somit die Vorstellung zuzulassen, dass Sexualität, wie auch andere Bedürfnisse, gerade für Menschen mit Pflegebedarf, ihre Berechtigung hat und erheblich zum Wohlbefinden beiträgt. Pflegeeinrichtungen sollten ihre Konzeptionen daraufhin anpassen, dass es gleichermaßen ein sexualfreundliches Leitbild und Einrichtungskonzept gibt, welche sexuelle Selbstbestimmung beinhalten, sowie Schutzkonzepte, welche Gewaltprävention und damit den Schutz vor sexueller Gewalt explizit beschreiben und gleichermaßen vorbeugende Maßnahmen formulieren.
Hannah Burgmeier, M.A. Sexualwissenschaft, und Judith Burgmeier, M.A. Pflege- und Gesundheitsmanagement, haben 2024 in Bremen die vielfältig. GmbH gegründet – Deutschlands ersten ambulanten Pflegedienst mit dem Schwerpunkt auf Sexualität im Alter und geschlechtliche Vielfalt.
Passend dazu: Projekt zeigt, wie Orte zum Wohlfühlen entstehen
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Sie haben noch kein Konto?
Jetzt registrieren