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Ehrenamt mit Perspektive: Wie die Diakonie Bethanien Pflege-Nachwuchs gewinnt

Mit einem innovativen Ehrenamtskonzept bringt die Diakonie Bethanien Jugendliche ab 14 Jahren in Kontakt mit Senior:innen – und gewinnt so zukünftige Auszubildende.

Foto: Andrea Krenzer-Böttner

Von Olga Sophie Ennulat

Pflegeeinrichtungen müssen neue Wege gehen, um junge Menschen für ihren Beruf zu begeistern. Das dachten sich auch Daniela Lenz, Geschäftsbereichsleiterin Pflege & Wohnen bei der Diakonie Bethanien, und Maya Finkeldei, Koordinatorin für Recruiting und Öffentlichkeitsarbeit in Hessen. Sie wollten Jugendlichen ab 14 Jahren einen anderen Zugang zur Arbeit in der Altenpflege bieten. „Die Idee war einfach“, sagt Lenz. „Viele Jugendliche haben keine Vorstellung davon, was Pflege bedeutet. Wir wollten, dass sie das live erleben – niederschwellig, mit Spaß und Sinn.“

Ein niedrigschwelliger Einstieg in die Altenpflege

Heraus kam ein Konzept, das ehrenamtliches Engagement mit gezielter Nachwuchsarbeit verbindet. Jugendliche dürfen einmal pro Woche für 90 Minuten in einer Einrichtung – in der Betreuung von Senior:innen – mitarbeiten. Dafür erhalten sie eine kleine Aufwandsentschädigung von zehn Euro pro Stunde. Die Resonanz war überwältigend: „Wir hatten zehn Bewerbungen innerhalb weniger Tage, und zwar richtige Bewerbungen mit Lebenslauf“, so Finkeldei. Schnell wuchs die Zahl der Teilnehmenden, inzwischen sind es mehr als 30 Jugendliche in einem Pflegeheim und drei Tagespflegen.

Engagement mit Kreativität und persönlichen Talenten

Meist in Zweierteams begleiten die Jugendlichen Alltagsaktivitäten, spielen, musizieren oder gehen mit Bewohner:innen spazieren. Einige bringen Instrumente mit, andere kreieren kreative Beschäftigungen. Ein Mädchen etwa lackiert Nägel und schminkt Seniorinnen, ein anderer spielt regelmäßig Schach mit einem Bewohner, der lange keinen Partner mehr dafür gefunden hatte. „Das ist die Stärke dieses Projekts“, sagt Finkeldei. „Jeder bringt eigene Talente ein, und die Senior:innen spüren diese Freude sofort.“

Enge Begleitung durch Fachkräfte

Die Zusammenarbeit geschieht in enger Abstimmung mit Pflegefachkräften. In den stationären Einrichtungen übernehmen Praxisanleiter:innen die Begleitung, in den Tagespflegen meist die dortigen Praxisanleiter:innen oder Teamleitungen.

Der Ehrenamtsführerschein als Qualifizierungsbaustein

Um die Jugendlichen vorzubereiten, hat die Diakonie Bethanien einen Ehrenamtsführerschein entwickelt. In sechs kompakten Modulen lernen die Jugendlichen Grundlagen zu Themen wie Demenz, Schlaganfall, Datenschutz, Schweigepflicht, wertschätzender Kommunikation und herausforderndem Verhalten. Nach jeder Einheit gibt es einen Stempel und am Ende ein Zertifikat. Mit dem Führerschein sind die Jugendlichen für die Arbeit in allen Einrichtungen des Unternehmens zugelassen. „Das vermittelt nicht nur Wissen, sondern macht auch deutlich, dass wir die Jugendlichen ernst nehmen“, sagt Finkeldei.

Anfangsskepsis und interne Lernprozesse

Zu Beginn hatte das Projekt auch interne Skeptiker:innen. Lenz erinnert sich: „Der Gegenwind kam anfangs aus der Denkweise: Das bringt uns nur Arbeit und kostet Geld.“ Entscheidend war, wer im Haus Verantwortung übernahm. Betreuungskräfte fühlten sich mit der Aufgabe überfordert, während Praxisanleiter:innen mit Begeisterung einstiegen. Heute gibt es auch Pat:innen – meist aus der Pflege – die die Jugendlichen eng begleiten.

Integration ins Team und kontinuierlicher Austausch

Es geht in erster Linie darum, die jungen Menschen ins Team zu integrieren. Zusätzlich gibt es regelmäßige Feedbackrunden und gemeinsame Treffen, um im Austausch zu bleiben, Erlebnisse zu teilen und Bindung zu halten. „Die Jugendlichen müssen eng betreut werden“, sagt Finkeldei. „Das braucht Zeit und Kommunikationsfreude, zahlt sich aber aus – sie werden ernst genommen, wertgeschätzt und fühlen sich sicher.“

Sinnstiftung als zentraler Motivationsfaktor

Die Motivation der Jugendlichen überrascht selbst die Initiatorinnen. Zwar erhalten die Teens eine kleine Entlohnung, doch der eigentliche Antrieb scheint noch woanders zu liegen. „Ich glaube, Sinnhaftigkeit in der Arbeit ist dieser Generation unglaublich wichtig“, sagt Lenz. „Wenn sie sehen, wie sehr sich ältere Menschen über ihre Zeit freuen, hat das eine Wirkung.“

Vergütung und Perspektiven für den Nachwuchs

Dennoch ist Lenz überzeugt, dass die 15 Euro Aufwandsentschädigung für den 90-minütigen Einsatz pro Woche notwendig sind, damit das Konzept funktioniert. Wer sich über drei Monate bewährt, kann weitermachen oder sogar noch weitergehen und ein Praktikum in der Pflege machen. Erste Erfolge gibt es schon: Eine Teilnehmerin aus der Pilotphase, die Anfang Januar 2025 gestartet war, hat bereits einen Ausbildungsvertrag unterschrieben.

Nachhaltiges Recruiting durch Beziehungspflege

Für die Diakonie lohnt sich die Investition: „Was wir sonst für Recruiting-Kampagnen ausgeben würden, stecken wir hier in Beziehungen“, so Lenz. Langfristig sei das nachhaltiger.

Positive Wirkung auf Image und Öffentlichkeit

Das Projekt hat außerdem spürbare Wirkung auf die Außenwahrnehmung der Diakonie Bethanien und der Pflegebranche insgesamt. Durch das Engagement mit Jugendlichen entsteht ein lebendiges, authentisches Bild von Pflege als Arbeitsfeld, das nah an Menschen ist und Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Viele Teilnehmende erzählen Freund:innen und Mitschüler:innen von ihren Erfahrungen. So entsteht eine Art Schneeballeffekt: Jugendliche werben bei Gleichaltrigen für die Altenhilfe und für die Diakonie Bethanien als Arbeitgeber.

Stärkung der regionalen Vernetzung

Gleichzeitig nehmen Schulen, Eltern und lokale Unternehmen wahr, dass die Einrichtungen Jugendlichen Verantwortung zutrauen und sie gut begleiten. Das stärkt die regionale Präsenz der Diakonie Bethanien und trägt dazu bei, die Altenhilfe als attraktive Branche mit Zukunft zu zeigen.

Ausweitung und Finanzierung des Programms

Das Programm hat sich inzwischen zu einem echten Renner entwickelt. Täglich sind Jugendliche in den Einrichtungen aktiv. Die Diakonie Bethanien plant jetzt, das Modell schrittweise in allen Einrichtungen in Hessen und Nordrhein-Westfalen einzuführen. Finanziert wird es über Spenden. „Wenn wir Unternehmen in der Region ansprechen und erklären, dass wir junge Menschen mit Seniorinnen und Senioren zusammenbringen, ist die Unterstützung groß“, so Lenz. „Für Demenzprojekte und intergenerationelle Arbeit spenden viele gerne.“

Interesse anderer Träger und fachliche Anerkennung

Auch andere Träger zeigen bereits Interesse. Auf Fachveranstaltungen ist das Projekt ein gefragtes Thema. Finkeldei war als Speakerin auf Recruiting-Summits und bei anderen Trägern eingeladen, wo das Konzept für Begeisterung sorgte. „Viele sagten, wir hätten ihnen Gänsehaut gemacht“, erzählt sie.

Mehr als ein Recruitinginstrument

Das Programm ist längst mehr als ein Recruitinginstrument. Es ist ein Beitrag zu einem neuen Verständnis von Arbeit in der Altenhilfe: offen, lebensnah und generationenverbindend. „Es geht um Begegnung und Beziehung“, fasst Lenz zusammen. „Wenn Jugendliche erleben, dass Pflege erfüllend ist, und Bewohnerinnen und Bewohner spüren, dass junge Menschen sich für sie interessieren, dann haben wir alle gewonnen.“

Fünf Erfolgsfaktoren für ein Ehrenamtskonzept mit Jugendlichen

  • Klare Verantwortlichkeiten: Definieren, wer das Projekt koordiniert. Praxisanleiter:innen oder pädagogisch erfahrene Personen eignen sich besonders.
  • Gute Vorbereitung: Frühzeitig Aufklärungsarbeit im Team leisten, um Vorbehalte abzubauen und Mitarbeitende einzubinden.
  • Struktur und Sicherheit: Jugendliche benötigen Schulungen zu Datenschutz, Schweigepflicht und Grundwissen zu Pflege und Demenz – ideal in einem kompakten Zertifikatsformat.
  • Enge Begleitung: Pat:innen oder feste Ansprechpersonen in den ersten Wochen sichern Verlässlichkeit, Motivation und Reflexion.
  • Finanzierung und Wertschätzung: Eine kleine Aufwandsentschädigung, ein Zertifikat und gemeinsame Treffen schaffen Anerkennung. Spenden oder lokale Sponsor:innen können bei der Finanzierung helfen.

10 EURO pro Stunde gibt es für die ehrenamtlichen Teenager. Für die Teens gibt es einen Führerschein, der sie für den Einsatz in allen Einrichtungen qualifiziert.

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