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Die Augen schließen, um zu sehen
Pflegekräfte lernen, das Leben aus der Perspektive blinder und seheingeschränkter Menschen nachzuempfinden – durch Selbsterfahrungstrainings, empathische Kommunikation und sinnesaktivierende Hilfsmittel.
Selbsterfahrung als oberstes Gebot
„Wer sehen will, muss die Augen schließen.“ So startet jeder ins Team des Seniorendomizils am Lönspark, einem Standort der ProSenis GmbH. Jeder muss im übertragenen Sinne in die Schuhe eines Bewohnenden treten und einige Schritte laufen. Nur so kann eine Pflege auf Augenhöhe praktiziert werden.
Jedes Teammitglied muss sich in die Lage der Bewohnenden versetzen können, und das geschieht am besten durch Selbsterfahrung. Wie lebt es sich als erblindeter Mensch? Wo liegen Schwierigkeiten? Was wird als störend empfunden? Worauf würde man selbst Wert legen und was wäre für einen selbst in dieser gesundheitlichen Situation hilfreich?
Wenn man das Dunkel selbst erfahren hat, fällt es leichter, sich in die Situation der Bewohnenden hineinzuversetzen und ihre Pflege und ihren Alltag aus ihrer Perspektive zu gestalten. Dieses Selbsterfahrungstraining ist fester Bestandteil des Konzepts im Seniorendomizil am Lönspark.
Die Erfahrung des fehlenden Sehsinns ist oft ein einschneidendes, prägendes Erlebnis, und die dabei gesammelten Erkenntnisse können praxisorientiert umgesetzt werden. Viele Mitarbeitende nehmen aus diesem Training beispielsweise mit, wie wichtig die Informationen über die verlässliche Anordnung von Lebensmitteln und Geschirr auf einem gedeckten Frühstückstisch sind. Sich nicht zurechtfinden zu können, angewiesen auf die Hilfestellung von Fremden zu sein und die Verunsicherung, versehentlich ein Glas oder eine geöffnete Flasche Wasser umstoßen zu können, hinterlässt nachhaltige Spuren.
Man selbst spürt, wie gut es einem ergeht, wenn die Positionen vorab erklärt werden und man ein System an die Hand bekommt, wie zum Beispiel ein Uhrzeit-Prinzip, nach dem zuverlässig die Lebensmittel auf einem Teller angerichtet wurden und einem so eine größtmögliche Selbstständigkeit beim Essen zuteilwird. Man spürt eine Dankbarkeit für alle Orientierungspunkte, die einem ggf. auch haptisch, durch unterschiedliche Materialien des Geschirrs, gegeben werden.
Um weitere Erfahrungen zu sammeln, findet demnächst ein Teamausflug nach Hamburg statt. Hier wird unter anderem ein Besuch beim Dialog im Dunkeln stattfinden. Die Eindrücke werden im Anschluss bei einem gemeinsamen Essen geteilt und bieten Raum für neue Ideen.
Kommunikation ist alles
Zentraler Mittelpunkt beim Umgang mit blinden oder seheingeschränkten Menschen ist eine offene, die Tätigkeit und Umgebung beschreibende Kommunikation, welche stets positiv und wertschätzend ist.
Beim Begegnen der Person oder beim Betreten des Zimmers nach Anklopfen stellt man sich zunächst namentlich vor und beschreibt und erklärt seine geplante Tätigkeit oder sein Vorhaben. Ebenso verhält es sich bei der Reaktion auf Wünsche der Bewohnenden.
Pflegerische Aktionen werden stets vorab verbal kommuniziert, beschrieben und erst dann ausgeführt oder angeleitet. Möchten Mitarbeitende nur kurz etwas ins Zimmer bringen, wie zum Beispiel Wäsche oder Post, so wird auch dieses Vorhaben, welches von Sehenden visuell sofort erfasst werden kann, kurz kommentiert. Ein Verlesen der Post wird stets unmittelbar angeboten, um eine schnelle Kenntnisnahme der Briefe zu ermöglichen und keine Unsicherheiten bei Bewohnenden aufkommen zu lassen.
Grundsätzlich gilt: Alles, was von Sehenden hauptsächlich visuell erfasst werden kann, muss vom Team ausführlich beschrieben werden. Wie ist das Wetter? Wie sieht die Natur heute aus? Was ist beim Blick aus dem Fenster heute zu erkennen? Alltägliche Dinge, wie etwa die Wahl der Kleidung, werden zur echten „Teamarbeit“, indem erst die Bewohnenden ihre Kleidungswünsche äußern oder das Pflegepersonal ansonsten verbal beschreibend bei der Suche nach dem passenden Outfit eine wichtige Stütze sein kann.
Viele alltägliche Geräusche sind den Bewohnenden hinlänglich bekannt und werden meist sofort erkannt, sodass sie im Grunde nicht weiter thematisiert werden müssten: Mitbewohnende und Personal werden sehr häufig schon an der Stimme erkannt. Trotzdem empfiehlt es sich, zum Beispiel bei der Begleitung in den Speisesaal kurz zu erwähnen, wer bereits am Tisch Platz genommen hat und anwesend ist.
Die Kommunikation und das bildliche Beschreiben sind also zentrale Punkte im Umgang mit blinden und seheingeschränkten Menschen. Mimik und Gestik können vom Einzelnen zwar nicht visuell erfasst werden, aber die Betroffenen haben oft ein besonderes Feingefühl für diese nonverbale Kommunikation. Es ist dennoch sehr hilfreich, wichtige Emotionen zu schildern, da Traurigkeit in Form von Tränen, Fröhlichkeit durch Lächeln ansonsten nicht immer erfasst werden. Dieses Vorgehen erleichtert das gemeinsame Miteinander und verhindert das Aufkommen von Missverständnissen.
Hilfsmittel für den Alltag
Es gibt eine Reihe von empfehlenswerten Hilfsmitteln, die blinden oder seheingeschränkten Menschen das Leben annehmlicher und leichter machen. Viele Bewohnende verfügen über eine sprechende Uhr, welche entweder am Handgelenk getragen werden kann oder in der Hosentasche mitgeführt wird. Des Weiteren lassen sich die meisten Smartphones auf eine Sprachausgabe einstellen. Außerdem gibt es speziell bestimmte Geräte zur Farberkennung mit Sprachausgabe, um zum Beispiel Kleidung auswählen zu können.
In der Einrichtung sind an zentralen Punkten sogenannte Speaker in Lichtschaltergröße angebracht. Hier können durch einfachen Kontakt akustische Informationen, beispielsweise zum Speiseplan, zu den aktuellen Veranstaltungen oder bezüglich des vorhergesagten Wetters, abgerufen werden.
Im Seniorendomizil am Lönspark gibt es eine farblich klare Abgrenzung einzelner Wohnbereiche, die für Bewohnende mit einem Restsehvermögen gut und eindeutig erkennbar sind. Am Handlauf, der durch das Haus und den Garten leitet, sind einzelne zentrale Punkte, wie das Treppenhaus und die Gemeinschaftseinrichtungen, durch Brailleschrift gekennzeichnet. Die blinden oder seheingeschränkten Bewohnenden haben so die Möglichkeit, sich weitgehend selbstständig zu orientieren und zu bewegen.
Das Betreuungsangebot ist ebenso auf das Handicap unserer Bewohnenden konzeptioniert. Auch hier ist die Kommunikation ein zentraler Punkt des Handelns. Ergänzende Hilfsmittel wie Würfel mit fühlbaren Augenzahlen, Bälle mit internem Glöckchen, Filme mit Audiodeskription sind vorhanden und werden gerne genutzt. Die aktuelle Ausgabe der Tageszeitung können sich die Bewohnenden ebenso vorlesen lassen. Im Rahmen einer aktiv gelebten Gemeinschaft übernimmt manchmal ein sehender Bewohnender diese Zeitungsrunde und liest seinen blinden Mitbewohnenden die tagesaktuellen Nachrichten vor.
Ein besonderes Augenmerk wird auf die Barrierefreiheit der Flure gelegt. Hier dürfen keine Gegenstände, auch nicht kurzfristig, stehen, da dies eine nur allzu große Sturzgefahr darstellen würde.
Diverse Sinne ansprechen
Bilder und Kunstobjekte an der Wand werden zumeist so gewählt, dass sie haptisch vom Bewohnenden erfasst werden können und verschiedene Strukturen aufweisen.
Das florale Ambiente wird olfaktorisch und haptisch vom Bewohnenden gut erfasst. Der angrenzende Garten des Hauses bietet diverse Möglichkeiten, die anderen Sinne wertvoll anzusprechen. Unser Kräutergarten in Form von Hochbeeten bietet den Bewohnenden die Chance, diese olfaktorisch, gustatorisch und haptisch wahrzunehmen und im täglichen Angebot zu verarbeiten und zu nutzen.
Das Seniorendomizil am Lönspark liegt angrenzend an ein Naturschutzgebiet mit Wiesen und Wäldern, was viele Naturgeräusche, Vogel- und Tierstimmen erbringt und somit für die blinden oder seheingeschränkten Bewohnenden eine akustische Freude bietet.
Offener Austausch
Nicht nur die Lage des Seniorendomizils wissen die Angehörigen zu schätzen, sondern auch den offenen Austausch. Oft haben sich individuelle Verhaltensweisen für Problemlagen bereits in der Zeit vor der Aufnahme zu Hause etabliert und können nun durch die Pflege übernommen werden. Zum Beispiel erleichtert sich eine Bewohnerin das Auffinden ihres Wasserglases durch einen speziellen Untersetzer.
Regelmäßig finden Infoabende für Angehörige statt, die aus einem allgemeinen Teil zum Thema Blindheit und Seheinschränkung bestehen und einem individuellen Thementeil. Das Thema des individuellen Teils wird im Vorfeld durch die Angehörigen bestimmt. Hier entsteht viel Raum für Mitsprache, Aktualität und individuelle Lösungen. Ein Zusammenspiel der Erfahrungen von Bewohnenden, Angehörigen, Pflegekräften, Ehrenamtlichen und dem externen Therapeutenteam führt zu bestmöglichen Lösungen, was eine ganzheitliche Pflege auf höchstem Niveau ermöglicht.
Fazit
Begegnen Sie blinden und seheingeschränkten Menschen mit Offenheit und Achtsamkeit. Kommunikation ist der Schlüssel: Sprechen und beschreiben Sie präzise, planen Sie Handlungen gemeinsam und fördern Sie Selbstständigkeit. Soziale Teilhabe bedeutet, mit – und nicht über – die Menschen zu reden. Sehen Sie den Menschen als Ganzes, nicht reduziert auf seine eingeschränkte Sinneswahrnehmung. Denn wie Stephan Wittlin sagte: „Blinde Menschen sehen oft viel mehr als Sehende.“
von Jessica Fulge, Altenpflegerin und Einrichtungsleitung und Andrea Richter, Physiotherapeutin und Fachtherapeutin Demenz, Seniorendomizil am Lönspark, Hannover
Kontakt zu den Autorinnen: jessica.fulge@prosenis.de
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