Angebotsplanung
Mobile Werkzeugkiste: Bewohner tauschen Rollator gegen Säge
Mit seinen Holzwerkkursen weckt Tobias Markquardt das Selbstvertrauen seiner Teilnehmenden. In der mobilen Werkstatt fertigen sie Schönes und Nützliches und entdecken verloren geglaubte Fähigkeiten wieder neu.
Sie bringen mit Ihrer mobilen Werkstatt den Hobbykeller in die Pflegeeinrichtungen. Wie muss ich mir das vorstellen?
Tobias Marquardt: Meine mobile Werkstatt passt ins Auto. Ich baue sie in den Einrichtungen auf und bringe damit das Werken zu den Menschen. Zu der Werkstatt gehören zum Beispiel eine Standbohrmaschine und eine elektrische Tischsäge – alles Werkzeuge, die die Menschen sicher bedienen können. Dazu kommen Zollstock, Schleifpapier, Leim, Schleifklotz – Dinge, die es braucht, um Werkstücke aus Holz zu fertigen.
Was für Werkstücke sind das?
Meist kleine Sachen aus Holz, wie eine Buchstütze. Aber auch Dekorationsgegenstände, Spiele, Klassiker, wie Vogelhäuschen und natürlich Saisonales zu Ostern oder zu Weihnachten. Die alten Menschen sind immer richtig stolz auf das, was sie selbst gebaut haben. Viele Teilnehmende verschenken ihre gebauten Werkstücke an Familie oder Freunde und berichten mit Stolz davon, weil sie anderen damit eine Freude bereiten konnten. Anerkennung, gesteigertes Selbstwertgefühl und innere Zufriedenheit sind direkte Auswirkungen der Arbeit mit der mobilen Werkstatt.
Wer kann alles bei Ihnen mitmachen?
Wenn jemand nicht gerade bettlägerig ist: beinahe alle. Jeder kann etwas mitnehmen, egal ob seh- oder sprechbehindert, im Rollstuhl oder kognitiv eingeschränkt. Sie können selbst etwas zuschneiden, bohren. Das funktioniert, auch in gemischten Gruppen. Leider wird uns im Alter immer mehr bewusst, was wir nicht mehr können. Durch das garantierte Ergebnis eines selbstgebauten Werkstücks möchte ich diesen Prozess bewusst umkehren und zeigen, was man auch im Alter noch leisten kann. Die Erfahrung zeigt, dass dies auch sehr gut funktioniert.Manche sind schwer für Angebote zu begeistern, nehmen aber gern das Angebot der Werkzeugkiste wahr. Auf dem Weg vom Tisch zur Säge wird sogar öfter auf den Rollator verzichtet!
Alte Menschen können mehr als viele denken
Wie läuft so ein Werkstatt-Kurs ab?
Fünf bis maximal sieben Personen nehmen teil. Zusätzlich eine Betreuungskraft vom Haus. Ich halte es bewusst klein, damit auch Leute etwas mitnehmen, die sonst nicht so sehr von Angeboten profitieren. Gerade diese fünf Personen profitieren dann aber ganz besonders. Oft sagen Mitarbeitende, sie hätten nicht gedacht, dass er oder sie das noch könne. Sie trauen den Menschen oft zu wenig zu. Insbesondere wenn Sie mit Werkzeug und Maschinen selbst nicht so vertraut sind. Doch mit individueller Unterstützung kann jeder mitmachen. Das Werken bezieht aber noch viele andere Elemente ein: von der Motorik bis zur kognitiven Förderung. Vor Allem werden aber Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl massiv gefördert. Man muss messen, anzeichnen, rechnen. Das ist für viele schon eine Anstrengung, aber es funktioniert.
Wie lange dauert ein Werkkurs und wie oft besuchen Sie die Einrichtungen?
Ein Werkkurs dauert circa 1,5 Stunden. Manchen Einrichtungen besuche ich wöchentlich, andere monatlich. Andere Einrichtungen buchen Blöcke, in denen ich die Einrichtungen über sechs Wochen einmal in der Woche besuche.
Wie sieht es aus mit einer Förderung durch die Krankenkassen im Sinne der Prävention?
Die Barmer und die AOK übernehmen schon teilweise Kosten für die Holzwerkkurse. Bisher meist in Form von Gutscheinen. Ich bin mit den Kassen im Gespräch und hoffe, das die Holzwerkkurse dauerhaft über die Krankenkassen gefördert werden. Demnächst werden mich Studierende wissenschaftlich für ihre Masterarbeit begleiten. An den Ergebnissen sind die Krankenkassen sehr interessiert.
Auf die Regelmäßigkeit kommt es an
Was können Einrichtungen selbst tun, damit das Werkstattangebot auch nachhaltig wirkt?
In erster Linie die Regelmäßigkeit in der die Holzwerkkurse stattfinden. Die mobile Werkstatt bietet aber auch noch weitreichendere Möglichkeiten. Zum Beispiel Angebote miteinander zu verknüpfen und Bewohnende, die ohnehin schwer für Angebote zu begeistern sind, auch über die Holzwerkstatt zu aktivieren. So müssen einige Werkstücke im Anschluss noch bemalt oder dekoriert werden. Hierfür bietet sich ein gesondertes Angebot an. Man kann für das Sommerfest Werkstücke herstellen und sie auf dem Basar verkaufen. Vogelhäuschen oder Eichhörnchenfutterstationen müssen befüllt werden. Für diese Aufgabe finden sich immer Bewohnende, die sich über das Vertrauen freuen, diese Aufgabe erledigen zu dürfen. Sie führen diese dann sehr gewissenhaft aus. Auch können Holzwerkkurse gemeinsam mit Angehörigen durchführt werden, um nochmal schöne gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen zu generieren. Ebenso sind Kooperationen mit Schulen denkbar.
Wie sind Sie auf die Idee mit der mobilen Werkstatt gekommen?
Ich bin gelernter Tischler und habe im Projektmanagement gearbeitet. Zur Arbeit mit Senioren hat mich mein Vater gebracht, der im Heim lebte. Er hat früher immer Werkzeug gehabt. Das konnte er nicht mitnehmen. Also bin ich aktiv geworden und bringe nun die Werkstatt in die Einrichtungen. Für viele bedeutet es die Möglichkeit das geliebte Hobby nun weiter ausführen zu können oder das Handwerken neu für sich zu entdecken. Nach schwierigen Jahren während der Corona-Pandemie und viel Verzicht auf Seiten der Schwächsten unserer Gesellschaft möchte ich wieder Lebensfreude, Spaß und Anerkennung zu den alten Menschen bringen. Der Bedarf ist da!
In welcher Region Deutschlands bieten Sie die Holzwerkkurse an und welche Möglichkeiten haben Einrichtungen, die nicht in Ihrem Einzugsgebiet ansässig sind?
Ich bin sesshaft in Bochum und dementsprechend hauptsächlich im Ruhrgebiet und ganz NRW unterwegs. Einrichtungen, die außerhalb meiner Region liegen, haben trotzdem die Möglichkeit das Werken in ihr Haus zu holen. Einrichtungen können die mobile Werkstatt auch zur eigenen Nutzung erwerben. Ich schule die Mitarbeitenden, damit sie selbst mit den Bewohnenden aktiv werden können. Das Gute ist, dass die Werkstatt äußerst platzsparend ist und die Kurse nahezu in jedem Raum oder auch auf der Terrasse durchgeführt werden können. Besonders spannend ist das Angebot nicht nur für die Teilnehmenden. Es zieht auch viele Zuschauer an, die gern das Werken beobachten.
Hier geht es zur Werkzeugkiste.
Das Interview führte Thordis Gooßes.
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