Demenz
Märchen sind Pfade der Erinnerung
Alte Märchen und traditionelle Adventslieder kennen viele Menschen aus ihrer Kindheit. Im Altenwohnhaus St. Anna in Haltern am See ging es vor Weihnachten auf eine Gedanken-Reise. Erzählen mit Musik stand auf dem Programm.
Märchen sind Pfade der Erinnerung: Mit Veranstaltungen wie diesen sollen die Bewohnerinnen und Bewohner aktiviert und angeregt werden, wie Geschäftsführer und Hausleiter Peter Künstler berichtete: „Auch beim Sommerfest ging es diesmal um Märchen.“ Hinzu komme: Das gemeinsame Singen wecke bei vielen alten Menschen Erinnerungen an die Jugend und Kindheit. „Sie werden auf eine gedankliche Reise mitgenommen“, sagt Künstler.
Laut Studie ermöglichen Märchen mehr Wohlbefinden
Bereits 2015 hat die Studie „Es war einmal … Märchen und Demenz“ gezeigt, dass „professionelles, regelmäßiges und strukturiertes Märchenerzählen Menschen mit Demenz und herausfordernden Verhaltensweisen Wohlbefinden ermöglicht und Verhaltenskompetenzen aktiviert“, wie es im Abschlussbericht heißt. Die Studie entstand an der Alice Salomon Hochschule Berlin im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit.
Die Untersuchung (Wir berichteten unter der Überschrift: Märchen beruhigen Menschen mit Demenz) bezieht sich auf das bundesweite Projekt „Märchen und Demenz“. Es läuft bereits seit einigen Jahren in zahlreichen Bundesländern. Die Organisation „Märchenland“ in Berlin setzt es um und betreut es. „Märchen sind Pfade der Erinnerung“, so Geschäftsführerin Silke Fischer.
„Märchenland“ bildet sogenannte Demenzerzähler aus, die bis zu achtmal pro Woche in ein Pflege- und Altenheim gehen, um dort Märchen frei und ohne Buch zu erzählen. „Dabei ist das partizipative Element sehr wichtig, da dadurch die demenziell veränderten Menschen direkt angesprochen, mitgenommen und kognitiv stimuliert werden“, so Fischer. Fachkräfte in den Einrichtungen würden zu Märchenvorlesern fortgebildet. „Die Teilnehmer der Schulung lernen, professionell mit Sprache umzugehen und wie man mitreißend vorlesen kann, um dieses spezielle Publikum zu erreichen.“ Bislang sei die Organisation in rund 600 Einrichtungen aktiv. Der Schwerpunkt liege in Süd- und Ostdeutschland, da dort die örtlichen Kranken- und Pflegekassen die Kosten meist übernehmen würden.
Freies, lebhaftes Erzählen ohne Buch kommt an
Auch Kerstin Schöppner hat in Haltern am See ihre Geschichten ohne Buch erzählt, Menschen direkt angesprochen, während sie die Erzählung mit Gesten und Blicken unterstützte. Sie gehört nicht zum Projekt „Märchen und Demenz“, sondern hat eine Ausbildung bei der „Europäischen Märchengesellschaft“ gemacht. Im St. Anna-Wohnhaus kam das Programm aus Geschichten und Weihnachtsliedern gut an: Bei „Stille Nacht, Heilige Nacht“ haben viele der Senioren und Seniorinnen mitgesungen. Er habe während seiner Auftritte schon erlebt, dass demente Menschen, die kaum noch hätten sprechen könne, plötzlich mitgesungen hätten, erzählte Musiker Lehmacher: „Das ist sehr ergreifend für uns, wenn wir Erinnerungen wecken.“ (epd/MichaelRuffert/apa)
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