Biografiearbeit
Wie Erinnerungen Identität stiften bei Demenz
Was Erinnerungen für unsere Identität bedeuten: Von Kunst über Familienerbstücke bis zu konkreten Demenz-Projekten zeigt unser Autor, wie Erinnerungsarbeit Menschen mit ihrer Vergangenheit verbindet.
Es scheint ein gesellschaftliches und individuelles Bedürfnis zu sein, die Vergangenheit am Leben zu erhalten. Städte erinnern mit Statuen und Gedenktafeln an ihre Entwicklung. Familien bewahren Erinnerungen mittels Fotoalben, Briefen oder wertvollen Gegenständen auf, um sich ihre Tradition zu vergegenwärtigen. Für das Erinnern selbst als identitätsstiftenden kognitiven Vorgang gibt es jedoch keinen spezifischen Ort im Gehirn. Dr. Klaus Gürtler zeigt in der aktuellen Ausgabe von Aktivieren (4/2026), wie Erinnerungsarbeit gelingt.
Was im Gehirn vor sich geht
Unsere Identität wird von Erinnerungen maßgeblich bestimmt. Neurobiologisch werden unterschiedliche Gedächtnisarten unterschieden. Das explizite Langzeitgedächtnis ist ein Erinnerungssystem, das sowohl allgemein zugängliche Ereignisse als auch spezifisch biografisches Erleben in zeitlicher Abfolge langfristig speichert. Wahrscheinlich „überleben“ die Erinnerungen am besten, die öfter im Leben abgerufen oder mit verwandten Episoden verknüpft werden. Wichtig für die Lebhaftigkeit der Erinnerung ist, ob es ein sensationelles öffentliches Ereignis war oder ihr Abruf Gedächtnisspuren in verschiedenen Modalitäten hinterlassen hat, verbunden mit einem bestimmten Duft, spezifischen Tonfall oder emotionalen Schmerz. Im Idealfall behalten wir unsere Erinnerungsfähigkeit bis ans Lebensende. Bei degenerativen Gehirnerkrankungen wie Demenzen reduziert sich die Fähigkeit zur Erinnerung, und schließlich verlieren wir sie ganz.
Erinnern bei fortgeschrittener Demenz
1,8 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Demenz. Menschen mit fortgeschrittener Demenz zeigen öfter einen ängstlich-ratlosen Gesichtsausdruck. Die eigene Biografie ist für sie nicht mehr rekonstruierbar. Wenn die kognitiven Fähigkeiten nachlassen, kann es hilfreich sein, die Erinnerungsfähigkeit mit Hilfsmitteln gezielt zu fördern. Bei Menschen mit Demenz hat es sich bewährt, mittels alter Fotos, Alben oder Videos die Erinnerung an Vergangenes zu wecken. An der Ostbayerischen Technischen Hochschule wurde in Zusammenarbeit mit dem SSV Jahn Regensburg ein „Erinnerungskoffer“ entwickelt, der erlebnisaktivierende Materialien enthält: Fotos, alte Vereinszeitschriften, Fanartikel. Ein anderes Projekt an der Universität Jena zeigte, dass individualisierte Musik über Kopfhörer überraschend positive Wirkungen auf Menschen mit Demenz hat.
Mehr dazu lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von Aktivieren. Weitere Ideen für biografische Angebote finden Sie in der Ideendatenbank des Portals AktivierenPlus.
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