Angebotsplanung
AWO-Projekt gibt Einsamkeit eine Stimme
Pflegeeinrichtungen sind nicht die Ursache für die Einsamkeit älterer Menschen – hier aber offenbaren sich die Individualisierungstendenzen unserer Gesellschaft. Eine Kreativaktion der AWO Weser-Ems zeigt, wie wichtig und heilsam der offene Umgang mit dem Tabuthema sein kann.
Einsamkeit erkennen und ansprechen
Aktiv gegen das Alleinsein vorzugehen ist im stressigen Pflegealltag oft schwierig, aber unverzichtbar. Pflege- und Betreuungskräfte sind häufig die ersten, die Veränderungen bei Bewohner:innen bemerken – sowohl körperlich als auch seelisch. Doch für Zuwendung und Zeitgeschenke bleibt im Arbeitsalltag kaum Raum. Routinen und Zeitmangel führen zu einer ungewollten Kühle und einem Verlust der Zwischenmenschlichkeit, die für alle Beteiligten so wichtig wäre.
Auch die Nachwirkungen der Corona-Pandemie sind noch immer spürbar. „Unsere Mitarbeitenden in den Einrichtungen vor Ort hatten alles versucht, um eine menschliche Nähe zu ermöglichen. Das In-Sich-Zurückziehen aber war ein großes Problem. Die Rückkehr zur Normalität ist danach allen sehr schwergefallen – Bewohner:innen wie Mitarbeitenden“, berichtet Anja Härtel, Referentin für Betreuung und Ergotherapie bei der AWO Weser-Ems und Praxisexpertin im Forschungsprojekt „ZEIT – Zusammen Erleben, Immersiv Teilhaben“.
Innovative Ansätze gegen die Stille
Überraschenderweise kann auch Digitalisierung Teil einer Lösung sein. Im Projekt „ZEIT“ werden innovative Technologien wie programmierbare Textilien erprobt, die physische Berührungen wie Umarmungen oder Schulterklopfen über Distanz übertragen können. „Angehörige und Bewohner:innen können mithilfe von Soft- und Hardware tatsächlich über eine große Distanz hinweg Zweisamkeit erleben, neue Erlebnisse teilen, miteinander spielen und sich an Gemeinsames erinnern“, erklärt Härtel.
Dennoch ist allen Beteiligten klar: „Menschliche Nähe ist durch nichts zu ersetzen, dank technischer Hilfsmittel aber immerhin ein wenig zu stützen. Letztendlich ist es immer der Mensch selbst, der eine Beziehung zu anderen eingeht und somit der Einsamkeit entgegenwirkt.“
Thore Wintermann, Vorstand Verband und Politik im AWO Bezirksverband Weser-Ems, betont: „So sehr wir alle auch denken, dass unsere Gesellschaft hypermodern ist – das gute Gefühl, wenn man einfach ein paar Stunden zusammen mit anderen Zeit verbringt, ist das gleiche wie vor hundert Jahren, als die AWO sich aus Nähkreisen und Lesezirkeln gründete. Auf der Suche nach dem Finden und Erleben des Ichs haben wir vergessen, dass soziale Netze und Verbindungen grundlegend auch für unser aller seelisches Wohlbefinden sind.“
Kreativaktion gibt Einsamkeit ein Gesicht
Wie dringlich ein gesellschaftliches Umdenken ist, zeigte ein bemerkenswertes Kreativexperiment der AWO. In ihren Einrichtungen zwischen Nordsee und Osnabrücker Land wurden Bewohner:innen gebeten, ihr Gefühl des Alleinseins in Worte und Bilder zu fassen. Die Ergebnisse sind erschütternd ehrlich: „Der Kopf ist leer, ich bin traurig, kein Interesse, ich bin müde“, schrieb ein Mittsiebziger und fügte große schwarze Flecken hinzu. Ein knapp 60-Jähriger gestand: „Ich fühle mich einsam, da ich nur selten Besuch von meiner Familie bekomme – selbst an meinem Geburtstag war niemand da.“
Eine Bewohnerin formte aus Knete eine nackte Figur mit gesenktem Kopf und ohne Gliedmaßen, während eine andere ihre Situation mit den Worten „Der Himmel unerreicht, an den Boden gebunden“ beschrieb. Auf zahlreichen Dokumenten dieser Aktion fand sich der Satz: „Einsamkeit ist Stille.“
Anfängliche Bedenken der Betreuungsteams erwiesen sich als unbegründet. Birte Jansen, Einrichtungsleiterin in Jever, berichtet: „Wir wurden als Team eines Besseren belehrt. Eine gewisse Erleichterung war zu spüren, schließlich beschäftigt ja genau dieses Thema die Menschen immens, nur reden sie sonst nicht darüber und ziehen sich lieber zurück.“
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Einsamkeit braucht Zeit – Zeit, die manche Bewohner:innen kaum noch haben und die Pflegekräfte oft nicht ausreichend geben können. Dennoch zeigt das Projekt, wie wichtig es ist, Räume für diesen Austausch zu schaffen. Julia Dräger vom AWO Pauline-Ahlsdorff-Haus berichtet sogar von einer unerwarteten Folge der Aktion: Die Besatzung des Segelschulschiffes Gorch Fock wurde auf das Projekt aufmerksam und lud die Bewohner:innen beim nächsten Landgang in Wilhelmshaven ein – eine kleine Geste mit großer Wirkung.
Mehr dazu lesen Sie im Schwerpunkt der aktuellen Aktivieren. Weitere Ideen für Betreuungsangebote gegen die Einsamkeit finden sich in der Ideendatenbank des Portals AktivierenPlus. Der Zugang ist mit dem Abonnement der Zeitschrift bereits im Preis integriert und nach einmaliger Registrierung unbegrenzt möglich.
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