Angebotsplanung
Wie eine ganzheitliche Palliativversorgung im Pflegeheim gelingt
Elisabeth König vom Christophorus St. Elisabeth-Stift Nottuln erklärt, wie ganzheitliche Palliativversorgung in der Altenpflege gelingen kann. Für das Konzept erhielt die Einrichtung den Pflegepreis 2025 in Nordrhein-Westfalen.
Frau König, das Christophorus St. Elisabeth-Stift hat den Pflegepreis 2025 der Pflegekammer NRW für sein ganzheitliches Palliativkonzept erhalten. Was macht das Konzept aus?
Letztendlich umfasst eine gute palliative Versorgung der uns anvertrauten Menschen einerseits eine optimale medikamentöse und pflegerische Begleitung, so z.B. eine individuelle Schmerzmedikation. Darüber hinaus geht es uns aber auch um eine persönliche Begleitung und Betreuung in dieser letzten Lebensphase. Dabei betrachten wir den ganzen Menschen mit seiner Biografie und seinen Bedürfnissen. Das beginnt schon beim Einzug mit einem ausführlichen Biografiegespräch. Wir erfassen die Wünsche für die palliative Versorgung sehr detailliert – von Lieblingsgetränken für die Mundpflege bis hin zu bevorzugten Düften. Auch seelsorgerische Aspekte berücksichtigen wir. Unser Ziel ist es, jedem Menschen in seiner letzten Lebensphase bestmöglich gerecht zu werden.
Wie ist Ihr ganzheitliches Palliativkonzept eigentlich entstanden?
Es ist über Jahre gewachsen. Palliative Bewohner besonders im Blick zu haben, war uns schon immer ein großes Anliegen. Mit der Zeit haben wir immer mehr Aspekte ergänzt. Dies geschah unter anderem in unserem Arbeitskreis „Sterben-Tod-Trauer“, zu dem neben der Pflegedienstleitung ich selbst als Beraterin für die Gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase (GVP) und Seelsorgerin sowie die Pflegefachkräfte mit einer Palliative-Care-Weiterbildung gehören. Letztendlich haben wir dann das, was wir in der Praxis bereits machten, zu Papier gebracht. Es war also kein theoretisches Konzept, sondern die Verschriftlichung unserer gelebten Praxis. Und es wächst auch jetzt noch weiter.
Wie haben sich die Bewohner:innen verändert, die heute in Pflegeheime einziehen?
Früher kamen die Menschen relativ jung in unsere Einrichtung und lebten dann noch lange Zeit recht selbstbestimmt bei uns. Heute kommen die Menschen teilweise schon in der palliativen Phase zu uns, auf jeden Fall mit vielen Erkrankungen. Der Schwerpunkt in der Pflege ist dadurch ein ganz anderer als noch vor 20 Jahren. Von unseren 74 Bewohnern sind momentan etwa 30 im Palliativnetz eingeschrieben. Das bedeutet nicht, dass alle in der palliativen Phase sind – wir schreiben sie vorsorglich ein, damit alles vorbereitet ist, wenn es soweit ist.
Sie arbeiten eng mit dem Palliativnetz und der Hospizbewegung zusammen. Wie sieht das aus?
Das Palliativnetz im Kreis Coesfeld besteht aus Ärzten und Pflegefachkräften. Wenn ein Bewohner dort eingeschrieben wird, kommt eine Koordinatorin zum Erstbesuch. Anschließend ist das Palliativnetz rund um die Uhr ansprechbar, etwa bei Fragen zur Schmerzmedikation. Die Hospizbewegung vermittelt ehrenamtliche Begleiter. Ich schildere den Bedarf und den zu betreuenden Menschen und sie suchen eine passende Person aus – zum Beispiel jemanden, der gerne spazieren geht oder betet. Die Koordinatorinnen haben ein sehr gutes Gespür dafür, den richtigen Begleiter für einen Bewohner zu finden.
Wie beziehen Sie die Mitarbeitenden ein?
Wir machen wöchentlich eine „Palliativvisite“, bei der wir den Zustand aller Bewohner durchgehen. Dabei sind immer eine Pflegefachkraft, die Pflegedienstleitung bzw. Einrichtungsleitung und ich selbst als GVP-Beraterin anwesend. Das schärft den Blick der Mitarbeiter für Veränderungen. Und es werden immer alle Versorgungsaspekte mit in den Blick genommen.
Wie gehen Sie mit der emotionalen Belastung für die Mitarbeitenden um?
Wir haben eine Abschiedskultur mit Gebeten und Gedenkfeiern, an denen die Mitarbeiter teilnehmen können. Wir haben auch spezielle Angebote wie gemeinsame Gedenkfeiern nur für Mitarbeiter. Bei den Gedenkfeiern können sie Kerzen für Verstorbene anzünden und sich austauschen. Die Kerzen bringen wir dann zu unserer Gedenkstätte im Park. Solche Rituale helfen beim Abschiednehmen. Zudem können die Mitarbeiter jederzeit zu seelsorglichen Einzelgesprächen kommen.
Und wie beziehen Sie die Angehörigen ein?
Wir unterstützen die Angehörigen schon während der Sterbephase intensiv. Sie werden – sofern sie es wünschen – auch bei der Pflege und Versorgung in der palliativen Phase einbezogen. Nach dem Tod können sie in Ruhe Abschied nehmen und auf Wunsch auch bei der Versorgung mithelfen. Ein Jahr nach dem Tod bekommen sie noch einmal Post von uns. Jeder Bewohner bekommt auch einen Stein, der für ein Jahr am Fuße der Gedenkstele im Park liegt.
Diesen können die Angehörigen nach zwölf Monaten abholen. Wenn sie das nicht möchten, wird der Stein am Ufer unseres Baches abgelegt. Zudem biete ich als vom Bistum Münster ausgebildete Beerdigungsleiterin an, die Beerdigung zu übernehmen. Das wird sehr geschätzt, weil ich die Verstorbenen ja persönlich kannte.
Was ist Ihnen bei der Palliativversorgung besonders wichtig?
Dass wir bei der Versorgung in der letzten Lebensphase wirklich alle einbeziehen – Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter. Besonderen Wert legen wir auch auf die Individualität der palliativen Pflege und Begleitung: jeder Mensch benötigt aufgrund seiner Biografie und natürlich auch aufgrund seiner vorliegenden Erkrankungen seine ganz individuelle Versorgung. Ebenso bedeutend ist uns unsere Trauerkultur mit verschiedenen Angeboten. Wir versuchen, den Abschied für alle Beteiligten würdevoll zu gestalten.
Gibt es etwas, was aus Ihrer Sicht strukturell helfen würde, das palliative Angebot noch auszubauen?
Die Anforderungen in der Pflege von Menschen in der letzten Lebensphase sind zumeist hochkomplex und verlangen neben einer guten fachlichen Expertise auch eine erhöhte zeitliche Ressource in der Betreuung. Diese hochkomplexe Aufgabe lässt sich in der personellen Ausstattung einer stationären Langzeiteinrichtung nur unzureichend über die Pflegegrade abbilden. Ebenfalls wäre es wünschenswert, die palliative Versorgung von Menschen in der letzten Lebensphase in der Ausbildung zur Pflegefachperson noch intensiver zu thematisieren und ihr eine besondere Bedeutung zuteilwerden zu lassen. Palliativdienste und -netzwerke brauchen eine verlässliche Finanzierungsgrundlage, um flächendeckend und dauerhaft bestehen zu können und die Arbeit in den stationären Langzeiteinrichtungen begleitend zu unterstützen.
Die Fragen stellte Olga Sophie Ennulat.
Elisabeth König arbeitet mit einer 75-Prozent-Stelle als Musiktherapeutin, Seelsorgerin und GVP-Beraterin im Sozialdienst des Christophorus St. Elisabeth-Stifts in Nottuln. Dieses ist eine von drei Einrichtungen der Christophorus Pflege und Wohnen.
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