Angebotsplanung

Wie Alpakas Erinnerungen und Teilhabe fördern

Ein Praxisbeispiel aus dem Haus Stephanus in Alsfeld demonstriert, wie Alpakas als „soziale Mittler“ wirken. Im Rahmen des Projekts „Erinnerungsschätze“ fördern sie emotionale Aktivierung, soziale Teilhabe und Gesundheitsressourcen bei Bewohner:innen. Betreuungskoordinatorin Minh Luis schildert die eindruckvolle Begegnung.

Alpaka mit Betreuerin und Seniorin
Alpakas halten von sich aus eine gewisse Distanz, wirken weder bedrängend noch ängstlich, und eröffnen dennoch die Möglichkeit für Nähe und Kontakt. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang davon, dass Tiere als „soziale Mittler“ wirken. Foto: Minh Luis/GFDE

Alpakas als besondere Begleiter

Die Begegnung mit rund 35 Alpakas und einem Lama auf dem Hof Jossatal Alpakas in Schlitz-Willofs verdeutlicht die besondere Eignung dieser Tiere für die Seniorenbetreuung. Sie wahren eine natürliche Distanz, wirken weder bedrängend noch ängstlich und ermöglichen dennoch Nähe und Kontakt. Als „soziale Mittler“ erleichtern sie die Kommunikation, bauen Schwellenängste ab und eröffnen Räume für nonverbale Interaktion. Besonders bei hochaltrigen Menschen und Bewohner:innen mit demenziellen Veränderungen können diese Tiere Brücken zu verschütteten Erinnerungen schlagen.

Biografieorientierte Rituale stärken das Kohärenzgefühl

Ein bewusst gestaltetes Mittagspicknick auf dem Hof mit einem liebevoll vorbereiteten Buffet der Hausküche setzte auf biografieorientierte Rituale. Gemeinsame Mahlzeiten gelten in der Gerontologie als „Knotenpunkte biografischer Erinnerung“, da sie verschiedene Sinneskanäle aktivieren und Anknüpfungspunkte an lebensgeschichtliche Erfahrungen bieten. Diese Form des Erinnerungsessens war für die Senior:innen eine willkommene Abwechslung vom Heimalltag. Gleichzeitig wurde das von Aaron Antonovsky beschriebene „Kohärenzgefühl“ gefördert: Verstehbarkeit durch klare Strukturen, Handhabbarkeit durch einfache Aktivitäten und Sinnhaftigkeit durch gemeinsam verbrachte wertvolle Zeit.

Materialität als Medium des Erinnerns

Ein weiterer Baustein des Projekts war die Beschäftigung mit Wolle als Werkstoff im Hofladen. Die Teilnehmer:innen betrachteten, ertasteten und diskutierten Produkte wie Socken oder Einlegesohlen. In der biografieorientierten Arbeit ermöglicht Materialität Identitätsarbeit, Selbstwirksamkeit und das Gefühl, eigene Lebensleistungen sichtbar zu machen. Besonders ältere Menschen mit handwerklichem Hintergrund knüpfen an solche Materialien unmittelbar an. Dies unterstreicht den hohen Stellenwert von Alltagsmaterialien in der Aktivierungsarbeit.

Die positiven Rückmeldungen der Teilnehmer:innen bestätigten die Wirkung des Settings. „Es war wunderschön. Es hat uns gut gefallen. Wirklich sehr schön“, lauteten die Reaktionen. Besonders die Begegnung mit den Tieren wurde hervorgehoben: „Die Tiere – die sind so lieb.“ Auch das Mittagspicknick erhielt ausdrückliches Lob.

Das Projekt „Erinnerungsschätze – Wege, die bleiben“ ist Teil des Generationen-Gesundheitsnetzwerks und wird durch das Hessische Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege im Programm „Pflegeheim – Mitten im Leben“ gefördert. Die Kooperation mit Jossatal Alpakas wird fortgesetzt. Für den Herbst ist ein Modul mit einer Kräuterpädagogin geplant, bei dem multisensorische Reize mit sozialer Interaktion und Erinnerungsarbeit verbunden werden – ein klassisches Beispiel für integrative Aktivierung.

Passend dazu: Erfahrung Sie in der neuen Rubrik Porträt in Aktivieren, was Minh Luis, die Betreuungskoordinatorin im Haus Stephanus in Alsfeld, antreibt.

Mehr über Alpakas im Pflegesetting lesen Sie hier: Therapie auf vier Beinen: Alpakas zu Gast im Bremer Pflegeheim