Personal
Rotation belebt: Alle drei Monate ein neuer Wohnbereich
Jobrotation in der Sozialen Betreuung reduziert psychische Belastungen und steigert die Qualität. Das Haus Billetal zeigt, wie der systematische Wechsel alle drei Monate gelingt – und warum alle Beteiligten davon profitieren.
Warum ein Rotationssystem sinnvoll ist
Die Arbeit in der Sozialen Betreuung ist emotional fordernd, besonders in Einrichtungen mit hohem Anteil demenziell veränderter oder psychisch erkrankter Menschen. Im Haus Billetal sind dies etwa 90 Prozent der Bewohner:innen. Die intensive Begleitung auf den letzten Lebensabschnitten hinterlässt bei Betreuungskräften Spuren. 2024 verließen bei 171 Heimplätzen 118 Bewohner:innen die Einrichtung, davon 82 durch Versterben.
Jahrelanges Arbeiten auf demselben Wohnbereich fördert zwar enge Beziehungen, erschwert jedoch die professionelle Distanz. Mitarbeitende empfinden laut Betreuungsleitung Carina Wrobel festgelegte Strukturen zunehmend als monoton oder belastend. „Stagnation, Überforderung und mangelnde Abgrenzung wirken sich direkt auf Motivation, Gesundheit und letztlich die Betreuungsqualität aus“, schreibt die Expertin im Schwerpunkt der Märzausgabe von Aktivieren.
Gleichzeitig entwickeln sich Betreuungsteams über Jahre in festen Konstellationen. Routinen schleichen sich ein, Veränderungen werden vermieden, Abläufe selten hinterfragt. Betriebsblindheit macht sich breit. Das Rotationssystem soll mehr Dynamik, Austausch und gegenseitiges Verständnis schaffen.
So funktioniert das Rotationsmodell
Seit Januar 2025 wechseln die Betreuungskräfte im Haus Billetal alle drei Monate den Wohnbereich. Die vier Bereiche haben unterschiedliche Schwerpunkte wie gerontopsychiatrische und somatische Erkrankungen. Von 13 Mitarbeitenden sind drei in Teilzeit tätig und fungieren als Springer. Die anderen sind fest auf einem Wohnbereich eingeplant.
Jede:r Mitarbeitende bringt spezifische Stärken mit, etwa im Umgang mit digitalen Geräten. Durch die Rotation wechseln nicht nur die Wohnbereiche, sondern auch die Teams. So profitieren alle Bereiche von den unterschiedlichen Kompetenzen aller Teammitglieder. Innerhalb eines Jahres sind die Betreuungskräfte auf allen Bereichen tätig und entwickeln ein umfassendes Verständnis für die gesamte Einrichtung.
Ein zentrales Element des Systems: Auf jedem Wohnbereich verbleibt stets ein eingearbeiteter Mitarbeitender, der für die Einarbeitung und Übergabe zuständig ist. Die Planung erfolgt mit langfristigem Vorlauf unter Berücksichtigung von Urlaubszeiten, individuellen Stärken und persönlichen Bedürfnissen. Heimbeirat und Angehörige wurden frühzeitig informiert und einbezogen.
Positive Effekte überwiegen anfängliche Skepsis
Die Vorteile zeigen sich auf mehreren Ebenen: Für Mitarbeitende bedeutet die Rotation Abwechslung, Entlastung und Perspektivwechsel. Sie erleben neue Kolleg:innen, entdecken eigene Stärken in anderen Kontexten und erweitern ihre fachlichen und sozialen Kompetenzen. Der Umgang mit Nähe und Distanz fällt leichter, da emotionale Bindungen durch die Zeitbegrenzung professioneller gestaltet werden können.
Bewohner:innen profitieren von einer bunten Vielfalt an Persönlichkeiten, Ideen und Impulsen. Jede Betreuungskraft bringt andere Kompetenzen mit: kreative Ansätze, Humor, Geduld oder kommunikative Stärke. Für die Einrichtung bedeutet Jobrotation mehr Flexibilität im Personaleinsatz, weniger Bereichsdenken und einheitlichere Qualitätsstandards.
Veränderungen rufen nicht nur Begeisterung hervor – zwei langjährige Mitarbeitende verließen das Haus im Zuge der Umstellung. Die verbleibenden Betreuungskräfte berichten jedoch nach wenigen Wochen von spürbarer Motivationssteigerung, mehr Wertschätzung und einem neuen Miteinander. Auch Angehörige, die sich zunächst umstellen mussten, sehen heute die Vorteile durch abwechslungsreiche Betreuung und neue Ideen.
Das Rotationsmodell zeigt: Mit sorgfältiger Planung, offener Kommunikation und klarer Zielsetzung können auch größere Strukturveränderungen erfolgreich umgesetzt werden – zum Wohle aller Beteiligten.
Mehr dazu lesen Sie in der aktuellen Aktivieren. Ideen für Betreuungsangebpte finden sich in der Ideendatenbank des Portals AktivierenPlus. Der Zugang ist mit dem Abonnement der Zeitschrift bereits im Preis integriert und nach einmaliger Registrierung unbegrenzt möglich.
Die Einrichtung aus Schleswig-Holstein hat 2019 den ersten AktivierenPreis gewonnen für die Betreuung bettlebiger Menschen: Pflegeheim Haus Billetal gewinnt AktivierenPreis 2019
2026 sind digital gestützte Betreuungskonzepte das Thema der Ausschreibung des AktivierenPreis 2026.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Sie haben noch kein Konto?
Jetzt registrieren