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Mobilität neu denken
Im Cellitinnen-Seniorenhaus St. Josef und in den Hausgemeinschaften St. Elisabeth in Meckenheim arbeitet eine fest angestellte Physiotherapeutin. Sie stärkt mit gezieltem Training die Mobilität der Bewohnerinnen und Bewohner – und verbessert auch die Gesundheit des Pflegeteams.
Von Olga Sophie Ennulat
Gilles betreut insgesamt 15 Bewohnerinnen und Bewohner, die bei der AOK Rheinland/Hamburg versichert sind, zusätzlich ist sie für das Pflegeteam da. Ihr Arbeitstag beginnt mit einem Blick in die Pflegedokumentation: Wo gab es am Abend oder in der Nacht Gangunsicherheiten oder auffällige Gelenkschmerzen? Wer braucht heute besondere Unterstützung? Wer ist von einem Krankenhausaufenthalt zurückgekehrt? Danach geht sie direkt in die Wohnbereiche.
Auch die Mitarbeitenden können sich an Gilles wenden: Zum Beispiel, wenn sie Schwierigkeiten haben, einen Bewohner oder eine Bewohnerin zu mobilisieren. Häufig hilft es schon, den Ablauf gemeinsam durchzugehen und Tipps zu geben. Zusätzlich zur Finanzierung über das Projekt der AOK Rheinland/Hamburg können die Pflegekräfte auch bei Schmerzen zu Gilles kommen und sich von ihr behandeln lassen.
Individuelle Zielpläne statt starrer Vorgaben
Die Physiotherapeutin arbeitet mit individuellen Zielplänen: „Ein Bewohner möchte wieder selbst aufs WC gehen, eine andere nach dem Frühstück sicher vom Rollstuhl zum Tisch wechseln. Das breche ich in kleine Teilschritte herunter, und wir üben regelmäßig – angepasst an die Tagesform“, erklärt Sarah Gilles. Dabei geht es nicht nur um Muskelkraft, sondern um Selbstwirksamkeit. „Wenn jemand nach Wochen merkt: ‚Ich kann das wieder‘ – dieser Moment ist unbezahlbar.“
Für Einrichtungsleiter Gawol liegt der Unterschied zum herkömmlichen Therapiesystem auf der Hand: „Externe Therapeutinnen und Therapeuten leisten gute Arbeit, aber ihnen fehlt oft die Zeit. Sie haben 20 Minuten, manchmal weniger. Bis die Therapie wirklich losgeht, ist die Hälfte der Zeit schon vorbei.“
Mit einer fest im Haus verankerten Physiotherapeutin könne man dagegen langfristig denken und Bewegungsangebote flexibel gestalten. Gilles kann Schwerpunkte setzen, Übungen wiederholen oder variieren – ohne den Druck fester Taktung. „Wenn sie bei einer Bewohnerin heute länger bleibt und dafür morgen kürzer, ist das völlig in Ordnung“, so Gawol.
Weniger Ausfälle, zufriedenere Bewohner
Der Effekt sei bereits sichtbar: „Wir bemerken weniger muskuloskelettale Beschwerden bei Mitarbeitenden und geringere Ausfallzeiten. Auch die Bewohnerinnen und Bewohner sind zufriedener und aktiver.“ Nach einem halben Jahr Laufzeit zieht er vorsichtig eine positive Bilanz: „Das ist noch keine wissenschaftliche Evidenz, aber das Pflänzchen wächst.“
Die Veränderungen zeigen sich in vielen kleinen Momenten: Bei einem Mann, der seit zwei Jahren an einer chronischen Wunde am Bein litt, konnte die Physiotherapeutin durch gezielte Maßnahmen vollständig ausheilen. Eine Bewohnerin schafft nach Monaten wieder kleine Transfers allein. „Wenn Menschen dadurch wieder selbst zur Toilette gehen können, verändert das ihren Alltag und ihr Selbstbild“, sagt Gilles.
Motivation für das Pflegeteam
Solche Erfolge wirken auch auf das Pflegeteam zurück. „Jeder, der in der Pflege arbeitet, möchte Menschen fördern, nicht nur versorgen“, erklärt Gawol. „Wenn Mitarbeitende sehen, dass Bewohnerinnen und Bewohner wieder selbst aktiv sind, erleben sie, wofür sie angetreten sind.“ Außerdem entlasten sie die pflegepraktischen Abläufe: weniger Umlagerungen, kürzere Transferzeiten, mehr Bewegungsbeteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner.
Multiprofessionelle Zusammenarbeit als Schlüssel
Die multiprofessionelle Zusammenarbeit sei dabei entscheidend. Neben Physio- und Kunsttherapie finden im Rahmen des Projekts regelmäßige Austausche mit Apotheker, Hausärztin und Neurologin statt. Dabei werden Medikamente überprüft, Wechselwirkungen besprochen und Reduktionen von Schmerz- oder Beruhigungsmitteln erwogen.
SGB Reha zeige, wie sich Versorgung verändern kann, wenn Bewegung zu einem festen Bestandteil wird. „Moderne Altenpflege muss Mobilität konsequent mitdenken – sie ist der Schlüssel zu Wohlbefinden und Teilhabe“, betont Gawol. Er plädiert dafür, den Ansatz in die Regelversorgung zu überführen. „Ich bin kein Freund davon, überall neue Finanzströme zu öffnen, aber hier ist der Nutzen klar erkennbar. Das Geld fließt direkt in die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner und entlastet das Team.“
Hoffnung auf dauerhafte Finanzierung
Bis April 2027 ist die Finanzierung des Projekts bzw. die Zwischenfinanzierung über die AOK Rheinland/Hamburg gesichert. Darüber hinaus hofft der Einrichtungsleiter, dass Kostenträger und Politik den Mehrwert erkennen und ein dauerhaftes Modell daraus machen. Für Gawol ist das Projekt auch ein Beweis, dass Kooperation wirkt. Pflege, Therapie, Betreuung, Medizin und Pharmazie greifen ineinander. Der Austausch schaffe Übersicht und Qualität, das gemeinsame Planen bringe Struktur.
Dass die Physiotherapie dabei oft der Ausgangspunkt ist, hat für ihn System: „Bewegung öffnet Türen. Wenn Menschen wieder in Bewegung kommen, ändert sich ihr gesamter Zustand – körperlich, psychisch, sozial.“
Neue Aktivität, neue Kontakte
Die Bewohnerinnen und Bewohner in Seniorenhaus und Hausgemeinschaften spüren das unmittelbar. Viele sind wieder bei Gruppenangeboten dabei, manche entdecken neue Interessen. „Einige, die anfangs zurückgezogen waren, kommen jetzt zu den Aktivitäten und suchen den Kontakt“, so Gilles.
Am Ende gehe es um das, was Pflege ausmacht – Menschen zu befähigen, so selbstständig wie möglich zu leben. „Wir zeigen, dass ressourcenfördernde Pflege funktioniert, wenn Zeit und Kompetenz da sind“, fasst Gawol zusammen. „Gemeinsam mit der AOK Rheinland/Hamburg ist genau das unser Ziel.“
Das Seniorenhaus St. Josef und die Hausgemeinschaften St. Elisabeth gehören zur Seniorenhaus GmbH der Cellitinnen z. hl. Maria in Köln, die Trägerin von 24 stationären Einrichtungen ist.
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