Angebotsplanung

„Gemeinsam pflanzen, pflegen, ernten“

Besonders am Therapie- und Sinnesgarten, den die Stiftung Hospital zum Heiligen Geist (HZHG) in Hamburg 2024 als Teil seiner Pflege-WGs für demenziell erkrankte Menschen eröffnete, ist: Mit Gartentherapeutin Esther Daenschel setzt die Stiftung auf das Fachwissen einer Expertin bei Planung und Realisierung des Angebots. Offenkundig mit Erfolg.

Begleitete von Beginn an Planung und Aufbau des Gartens: Gartentherapeutin Esther Daenschel Foto: HZHG

Vor rund einem Jahr hat das HZHG den neuen Sinnesgarten eingeweiht. Sie Frau Daenschel wurden im Projekt als Gartentherapeutin mit in das Team integriert. Was sind Ihre Hauptaufgaben seitdem, womit beschäftigen Sie sich, wenn Sie im Projekt tätig sind?
Zu meinen Hauptaufgaben gehört es, gartentherapeutische Angebote für die 72 demenziell erkrankten Bewohnerinnen und Bewohner zu planen und durchzuführen. Ich gestalte angeleitete Gruppen- und Einzelsettings, in denen wir gemeinsam pflanzen, pflegen, ernten oder Naturmaterialien kreativ verarbeiten. Zudem bin ich verantwortlich für die Auswahl und Pflege geeigneter Pflanzen, die die Sinne besonders ansprechen – also etwa Duft- und Tastpflanzen.

Ein wichtiger Bestandteil meiner Tätigkeit war von Anfang an die Begleitung des gesamten Aufbaus des Therapie- und Sinnesgartens – von der Baugrube bis zur blühenden Oase. Großartiger Weise konnte ich mit den Architekten Hunck & Lorenz eine sehr kooperative Zusammenarbeit und einen intensiven fachlichen Austausch erleben, der diesen Garten überhaupt erst so entstehen, wachsen und aufblühen ließ. Nachdem die Bauarbeiten abgeschlossen waren und meine Baubegleitungsphase zu Ende ging, begann für mich die Arbeit an der Gestaltung eines gartentherapeutischen Angebots für die Seniorinnen und Senioren.

Neben der praktischen Arbeit dokumentiere ich die Therapieverläufe, stimme mich mit dem Pflege- und Betreuungsdienst ab und berate Angehörige und Kolleg:innen zur Nutzung des Gartens im Alltag.

Wie viele Stunden umfasst Ihre wöchentliche Arbeitszeit und worauf verteilt sich diese grob im Einzelnen?
Ich bin mit durchschnittlich 35 Wochenstunden tätig. Gut die Hälfte der Zeit fließt in die direkten gartentherapeutischen Angebote mit den Bewohner:innen – also Gruppensettings, Einzelkontakte und spontane Aktivierungen. Rund 30 % entfallen auf die gärtnerische Pflege und Vorbereitung der Beete, Hochbeete und Pflanzinseln. Die restliche Zeit nutze ich für Dokumentation, Teamsitzungen, Abstimmungen mit dem Pflege- und Betreuungsteam sowie für konzeptionelle Aufgaben wie Jahresplanung, Materialbeschaffung und die Weiterentwicklung des therapeutischen Konzepts.

Hatten Sie zuvor Berührungspunkte zu Menschen mit Pflegebedarf bzw. mit demenziellen Erkrankungen – was hat Sie besonders gereizt und vielleicht auch bei der Übernahme dieser Aufgabe herausgefordert?
Zuvor habe ich fünf Jahre in einer Akutpsychiatrie gearbeitet, dort gab es unter anderem auch eine geriatrische Station, auf der Menschen mit Demenz behandelt wurden und ein gartentherapeutisches Angebot stattgefunden hat. Besonders gefreut hat mich die Möglichkeit, mit dem neuen Therapie- und Sinnesgarten einen ganz eigenen therapeutischen Raum mitzugestalten, der Teilhabe ermöglicht, Sinn stiftet und Erinnerungen aktiviert. Herausfordernd war und ist es manchmal, individuell passende Angebote zu entwickeln, da Menschen mit Demenz sehr unterschiedliche Tagesform und Bedürfnisse haben. Auch das Zusammenspiel zwischen den unterschiedlichen Professionen mit ihren verschiedenen Schwerpunkten und Sichtweisen im Haus ist manchmal eine Herausforderung – aber meistens eine Bereicherung. Diese Vielfalt macht die Arbeit auch besonders lebendig.

Wie ist Ihre persönliche Wahrnehmung: Wie wirkt sich der Garten auf die Gesundheit und das Wohlempfinden der Bewohnerinnen und Bewohner aus? Was macht es mit den Menschen, in den Kontakt mit den Pflanzen treten zu können?
Viele Bewohner:innen blühen im wahrsten Sinne auf, wenn sie draußen sind. Ich erlebe, dass der Aufenthalt im Garten, die Bewegung an der frischen Luft, das Vogelgezwitscher die Senior:innen nicht nur äußerlich bewegt. Das emotionale Wohlbefinden wird gestärkt und oft können Momente von Freude, Staunen oder Erinnerungen an frühere Gartenarbeit hervorgerufen werden. Das taktile Erleben – also Pflanzen zu berühren, Strukturen zu erkennen und zu fühlen, an wohlduftenden Kräutern zu riechen, Blumen zu betrachten – wirkt sehr förderlich auf das allgemeine Wohlempfinden. Die Orientierung und Aktivierung, die durch den gestalteten Gartenraum stattfindet, bieten unseren Senior:innen einen sicheren Raum zum Entspannen und Genießen. Auch Menschen, die verbal nicht mehr viel kommunizieren, zeigen dann oft deutliche Reaktionen: ein Lächeln, ein Aufatmen oder gestische Beteiligung.

Wer profitiert in welcher Weise außer den Bewohnenden noch von der Gartenanlage – welche Rückmeldungen erhalten Sie etwa von Angehörigen oder vom Pflegepersonal?
Neben den Bewohner:innen profitieren auch die Angehörigen und die Kolleg:innen, da der Garten ein angenehmer Begegnungsraum ist – durch seine unterschiedlichen Bereiche wie das Gewächshaus, den Pergolabereich, die Klönschnackbank und die vielen verschiedenen Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten, welche Gespräche und gemeinsame Aktivitäten erleichtern. Da unser Garten direkt barrierefrei wie ein extra Raum an das Gebäude angeschlossen ist, wird er gut angenommen. Der Garten ist ebenso ein Ort der sozio-kulturellen Angebote. Gartenfeste, kleine Konzerte in der Natur und die Möglichkeit für Bewohner:innen mit ihren Angehörigen in einem geschützten Rahmen beisammen zu sein, unterstützt sichtbar die Lebensfreude dieser Menschen.

Von Pflege- und Betreuungskräften bekomme ich die Rückmeldung, dass der Garten als schöner Ort geschätzt wird. Außerdem erleichtert er es, Aktivierungsangebote, z. B. von den Physiotherapeuten flexibel und individuell zu gestalten.

Sind Sie in Teambesprechungen mit den Pflege- und Betreuungskräften einbezogen – welche Abstimmungsschnittstellen gibt es mit den anderen Professionen?
Ja, ich nehme an Teambesprechungen teil. Dort stimmen wir uns über Ressourcen und Bedarfe ab und über alltägliche Abläufe die wichtig sind. Darüber hinaus gibt es kurze, informelle Absprachen im Alltag, wenn zum Beispiel Pflegekräfte beobachten, dass jemand besonders von einem gartentherapeutischen Angebot profitieren könnte.

Welche Tipps könnten Sie Einrichtungsträgern mitgeben, die ihrerseits das Anlegen eines Therapie- und Sinnesgartens erwägen: Welche Punkte sind wichtig zu beachten, was sollte man auf jeden Fall nicht tun?
Wichtig ist, von Beginn an Fachpersonal einzubeziehen – insbesondere eine ausgebildete Gartentherapeutin oder einen Gartentherapeuten nach den Standards der IGGT. Die fachliche Zusammenarbeit schon in der Planungsphase ist für alle Beteiligten sehr wertvoll, da Architekt:innen in der Regel wenig Erfahrung mit den besonderen Anforderungen und Potenzialen gartentherapeutischer Arbeit haben. Aus meiner Sicht sollte sich das dringend ändern, damit der Garten nicht nur ästhetisch, sondern auch therapeutisch wirksam wird. Weitere Informationen zur Qualifikation finden Sie auf der Website der IGGT: https://iggt.eu/de/.

Der Garten sollte barrierearm, sicher begehbar und gut einsehbar sein, aber auch ein geschützter Ort für die Gartenbesucher:innen und Nutzer sein. Ebenso empfehle ich, Elemente zu schaffen, die möglichst viele Sinne ansprechen. Außerdem ist es wichtig, den Pflegeaufwand realistisch zu planen und die langfristige Betreuung sicherzustellen. Jeder Therapiegarten sollte immer an die Gegebenheiten vor Ort, das Klientel und die Menschen, die ihn nutzen, angepasst werden. Es gibt bewährte Elemente wie Hochbeete, unterfahrbare (rollstuhlgerechte) Hochbeete, Gewächshaus oder Brunnen. Dennoch gilt: Jeder Therapie- und Sinnesgarten ist einzigartig – geprägt von seinem Standort, seinen Gärtner:innen und den Besucher:innen, die ihn mit Leben füllen.

Interview: Darren Klingbeil

Infos zum Projekt und zum Träger

  • Kosten und eingesetzte Spendengelder für den Garten?
    Die Gesamtkosten liegen bei ca. 500.000 EUR.
    Davon wurden von der Deutschen Fernsehlotterie ca 190.000 EUR für Personalkosten gespendet. Die restlichen Kosten wurden über einige Groß- und viele Kleinspender finanziert
  • Wie viele Bewohnende können ihn nutzen?
    72 Bewohnende und deren Angehörige
  • In welche Gesamtkonzeption des HZHG fügt sich das Garten-Projekt ein?
    Der Therapie- und Sinnesgarten ist Teil der neuen Pflege-Wohngemeinschaften für demenziell erkrankte Bewohnende. Es handelt sich dabei um sechs Wohngemeinschaften mit jeweils 12 Bewohner:innen.

Passend dazu: Gartentherapie: Aufblühen trotz Demenz