Demenz

Eigenwelten bei Demenz: Wenn Umdeutung entlastet

Heimbewohner:innen im schweren Stadium einer Demenz zeigen sich als weniger belastet, wenn es ihnen gelingt, ihr Umfeld positiv umzudeuten. Mitarbeitende können diese Selbststabilisierung unterstützen und damit für mehr Wohlbefinden sorgen, statt auf Realität zu bestehen.

Bewohnerin mit Puppe
Puppen und auch Fotos können in der Imagination von Menschen mit fortgeschrittener Demenz reale Personen ersetzen. Foto: Werner Krüper

Wenn die „rosa Brille“ schützt

Menschen mit fortgeschrittener Demenz entwickeln unbewusste Mechanismen, um sich in ihrer Umgebung sicher und geborgen zu fühlen. Dieses Selbststabilisierungsvermögen zeigt sich in spezifischen Wahrnehmungsformen und Verhaltensweisen, die auf die Herstellung einer Person-Umwelt-Passung abzielen. Wie Dr. Sven Lind in seinem Beitrag in der aktuellen Ausgabe von Aktivieren erläutert, vollziehen sich diese Phänomene meist von selbst, benötigen jedoch häufig Begleitung und Unterstützung durch Pflegekräfte.

Auch bei älteren Menschen ohne Demenz ist ein ähnliches Phänomen bekannt. In der Berliner Altersstudie wurde nachgewiesen, dass Senior:innen trotz gesundheitlicher, materieller und sozialer Einschränkungen mit ihren Lebensumständen überwiegend zufrieden waren. Diese Diskrepanz zwischen objektiven Sachverhalten und subjektiver Bewertung wird als „Zufriedenheitsparadox“ bezeichnet.

Bei Menschen mit Demenz äußert sich diese Selbststabilisierung durch positive Umdeutungen oder gedankliche Umwidmungen ihres Umfelds. Umgangssprachlich betrachten sie die Welt durch eine „rosa Brille“. So werden Mitarbeitende der Pflegeeinrichtung zu Verwandten umgedeutet – der Pfleger wird zum Sohn, die Betreuerin zur Cousine. Die besuchende Tochter kann plötzlich als „Mutti“ angesprochen werden und aus Mitbewohner:innen werden langjährige Freunde.

Wenn das Heim zum Hotel wird

Nicht nur Personen, sondern auch Örtlichkeiten werden in der Wahrnehmung positiv besetzt. Das Heimgeschehen kann als Treiben auf einem Kreuzfahrtschiff gedeutet werden, das Stationszimmer als Café oder die gesamte Einrichtung als Hotel oder Urlaubspension. Letzteres wird besonders deutlich, wenn Betroffene klagen, dass sie Logis und Verpflegung nicht mehr bezahlen könnten, oder mit gepacktem Koffer im Foyer stehen und „abreisen“ möchten.

Bemerkenswert sind auch die sogenannten „positiven Halluzinationen“ oder „Stabilisierungshalluzinationen“. Diese Trugbilder dienen zur psychischen Stabilisierung der Betroffenen. So berichtet Dr. Lind von einer Bewohnerin, die darauf besteht, dass vor der Pflege das „Huhn“ gefüttert werden muss, woraufhin die Pflegekraft symbolisch Futter im Zimmer verstreut. In einem anderen Fall fordert eine Bewohnerin regelmäßig, der „Katze“ im Zimmer Milch zu geben, was durch das Hinstellen einer Untertasse mit Milch erfüllt wird.

Wenn Ersatzstrategien helfen

Menschen mit schwerer Demenz verlangen häufig nach vertrauten Personen ihrer Lebensgeschichte, ohne zu verstehen, dass diese möglicherweise bereits verstorben sind. Dieser Realitätsverlust erklärt sich dadurch, dass episodische Erinnerungen, die in Tagträumen ins Bewusstsein dringen, aufgrund des fehlenden Realitätsfilters als gegenwärtige Realität wahrgenommen werden.

In solchen Fällen haben sich verschiedene Ersatzstrategien bewährt. Pflegende schlüpfen zeitweise in die Rollen der ersehnten Personen oder übernehmen die Funktion bestimmter Berufsgruppen wie Pfarrer, Arzt oder Polizist. Auch Fotos können als Personenersatz dienen – wie bei einer Bewohnerin, die sich weigerte, ohne ihren verstorbenen Ehemann zu essen, bis ihr ein Foto von ihm auf den Tisch gestellt wurde.

Selbst Puppen werden als Ersatz akzeptiert, wie das Beispiel einer Bewohnerin zeigt, die sich ständig um ihren Sohn „Hans Holm“ sorgte, den niemand je gesehen hatte. Als man ihr eine Puppe mit den Worten „das ist dein Hans“ gab, akzeptierte sie diese Lösung und pflegte fortan ihren „Hans“ den ganzen Tag.

Die Fachkräfte in der Betreuung haben die wichtige Aufgabe, Menschen mit Demenz bei ihrer Eigenweltgestaltung zu unterstützen. Nur durch „Mitgehen und Mitmachen“ statt Konfrontation mit der Realität kann das psychosoziale Gleichgewicht der Betroffenen aufrechterhalten werden.

Mehr dazu lesen Sie in der aktuellen Aktivieren. Ideen für die Betreuung von Menschen mit Demenz finden sich in der Ideendatenbank des Portals AktivierenPlus. Der Zugang ist mit dem Abonnement der Zeitschrift bereits im Preis integriert und nach einmaliger Registrierung unbegrenzt möglich.

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