Angebotsplanung

Kulturgeragogik: Kreative Teilhabe trotz Einschränkungen

Das Projekt „Unser Leben sei ein Fest“ aus dem AWO-Seniorenzentrum im oberbayerischen Peiting demonstriert eindrucksvoll, wie kulturelle Bildung im Alter Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit stärkt. Auch Menschen mit Demenz und anderen Einschränkungen erleben dabei kreative Teilhabe.

Beim Improtheater wird der runde Teppich in der Mitte zur Bühne. Verschiedene Kopien von Kunstwerken zeigen hier Aspekte zum Thema Fest. Elisabeth Jocher/AWO Peiting

Kulturgeragogik: Kreativität kennt keine Altersgrenzen

Eine Bewohnerin im Rollstuhl durchtrennt mit einem gekonnten Schnitt das rote Band. Unter Applaus wird die Ausstellung eröffnet – der krönende Abschluss eines besonderen Kulturprojekts. Im AWO-Seniorenzentrum Peiting haben sich Bewohner:innen auf eine kreative Entdeckungsreise begeben, bei der sie alles rund um das Thema „Feste feiern“ in ihren Biografien aufspürten und auf vielfältige Weise künstlerisch verarbeiteten.

Elisabeth Jocher, Sozialpädagogin und Leiterin der Sozialen Betreuung, berichtet in der Zeitschrift Aktivieren von diesem besonderen Projekt. Als sie die Leitung der Sozialen Betreuung übernahm, wollte sie nicht nur Kultur ins Heim holen, sondern das Pflegeheim selbst als Raum begreifen, in dem Bewohner:innen wie Mitarbeitende aktiv Kultur gestalten können. Die Antwort fand sie in der Kulturgeragogik.

Dieser Ansatz verfolgt das Ziel, älteren Menschen kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, indem er zur Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur einlädt und zu eigenem künstlerischen Schaffen anregt. Besonders wertvoll für die Soziale Betreuung: Die Didaktik der Kulturgeragogik berücksichtigt altersspezifische Einschränkungen und schafft barrierearme Zugänge. Eine ideale Methode für die komplexen Gruppenkonstellationen in Pflegeheimen, wo Menschen mit Hör-, Seh-, Mobilitäts- oder kognitiven Einschränkungen zusammenkommen.

Das Kreativcafé: Ein Raum für Begegnung und Ausdruck

Im Schatten großer Bäume vor dem Haus beginnt das Projekt mit einem Improvisationstheater. Sieben Bewohnerinnen mit unterschiedlichen Einschränkungen sitzen im Kreis um einen roten Teppich – ihre Bühne. Ein kleines Stoffschwein namens „Mucki“ wird zum Mittelpunkt eines Begrüßungsrituals, das über das gesamte Projekt beibehalten wird.

Auf der Bühne liegen verschiedene Kunstwerke zum Thema „Fest“. Jede Teilnehmerin wählt ein Bild, erzählt, was sie sieht und welche Erinnerungen es weckt. Sie sprechen über Festtagskleidung, Organisation, Musik und Tanz. Eine Dame verrät sogar das Geheimnis der weltbesten Ananasbowle. Bei Kaffee und Kuchen stellen die Seniorinnen ihre Assoziationen in Mimik und Gestik dar, um ein gemeinsames Standbild zu schaffen.

Spontan bringt sich eine Frau mit Demenz ein: Sie erzählt, dass ihr Mann Musiker war, klimpert mit den Händen und stimmt ein Lied an. Die Gruppe singt mit. Eine andere Teilnehmerin hat Schwierigkeiten, ihre Idee umzusetzen – sofort hilft ihre Nachbarin aus und schlägt vor, sich zuzuprosten. So entsteht ein lebendiges Bild mit Jubel, Tanz und Umarmung.

Von der Idee zum kulturellen Fest

Im Laufe des Projektes entwickelten sich weitere kreative Begegnungsräume. Die Bewohnerinnen hielten in einem Fotoatelier hinter goldenem Rahmen pantomimisch Momente fest, die sie feiern wollten. Sie erfanden Geschichten mit der TimeSlips-Methode, luden eine Maltherapeutin für einen Workshop ein und gründeten Tanzgruppen für Sitztango und Rollatorwalzer.

Bei einer Kostümparty entstanden Entwürfe für Festtagskleidung, die schließlich gemeinsam für eine Schneiderpuppe umgesetzt wurden. Die Gruppe schrieb sogar ein Rondeau – eine spezielle Gedichtform mit nur zwei Reimen und wiederkehrendem Refrain – in dem sie über Altersbilder reflektierte.

Die Ausstellung zum Projektabschluss präsentierte all diese kreativen Ergebnisse: bemalte Leinwände, Fotografien, Videoaufnahmen der Tanzaufführungen, Collagen und die gestaltete Schneiderpuppe. Doch mehr als die Kunstwerke selbst beeindruckten die vielen „ersten Male“ der Teilnehmerinnen: Das erste Mal Sitztanztango aufführen, einen Pinselstrich mit Gouachefarbe setzen, Improvisationstheater spielen, Model stehen oder ein Kleid designen.

Mehr dazu lesen Sie in der aktuellen Aktivieren. Ideen für die kulturelle Angebote in der Betreuung finden sich in der Ideendatenbank des Portals AktivierenPlus. Der Zugang ist mit dem Abonnement der Zeitschrift bereits im Preis integriert und nach einmaliger Registrierung unbegrenzt möglich.

Passend dazu: Projekt verbindet Musikgenuss und Mitarbeiterschulung