Demenz

Wenn Geschichten Verhalten erklären: Demenzbegleitung

Lebensgeschichten sind der Schlüssel zum Verstehen von Menschen mit Demenz. Sie helfen, Verhalten zu deuten, Bedürfnisse zu erkennen und Beziehungen tragfähig zu gestalten. Ein strukturiertes Willkommenskonzept bindet Angehörige ein und schafft Sicherheit.

Mitarbeiterin und Bewohner im Gespräch
Lebensgeschichten helfen, Verhalten zu verstehen, Bedürfnisse zu erkennen und Krisen zu meistern. Foto: Werner Krüper

Willkommen heißen mit System

Menschen mit Demenz können ihre Geschichte nicht mehr vollständig erzählen. Ihr Verhalten lässt jedoch Bedürfnisse und Haltungen erkennen. Im Resi-Stemmler-Haus in Euskirchen leben 48 Menschen mit Demenz in vier Wohngruppen. Das dort praktizierte Willkommenskonzept bezieht bewusst Angehörige ein, die als Verbindungsglied im Kennenlernprozess dienen, der bis zu einem Jahr dauern kann.

Das Kennenlernen beginnt mit einem gemütlichen Treffen zwischen Team, Leitungspersonen, der neu einziehenden Person und nahen Angehörigen. So beschreiben es Einrichtungsleitung Lydia Kassing und Betreuungsdienstleitung Martina Schneider im Schwerpunkt der Maiausgabe von Aktivieren. In den ersten Tagen beobachtet das Team, welche Bedürfnisse nach Tom Kitwood (Liebe, Trost, Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung, Identität) sich zeigen und wie diese befriedigt werden können. Diese Informationen fließen in die Strukturierte Informationssammlung (SIS) ein.

Die PfleMeO Fokuswoche als Erkenntnisquelle

Nach etwa vier Wochen führt das Team eine „PfleMeO Fokuswoche“ durch. Eine Bewohner:in wird ausgewählt und eine Woche lang besonders fokussiert. Die Mitarbeitenden sammeln Informationen und beschreiben gute Beziehungsmomente. Ziel ist es, mehr über Bedürfnisse und Lebenshaltung zu erfahren: Was ist diesem Menschen wichtig? Welche Gewohnheiten und Vorlieben zeigen sich?

Am Ende der Woche werden alle Beobachtungen zusammengetragen und den „Six Senses“ nach Mike Nolan zugeordnet: Sicherheit, Kontinuität, Zugehörigkeit, Sinnvolles Tun, Erfolg und Wertschätzung. Aus diesen Erkenntnissen und Gesprächen mit Angehörigen formuliert das Team eine Verstehenshypothese, die als Überschrift für die persönliche Geschichte dient. Diese wird aus der Ich-Perspektive verfasst und umfasst maximal eine DIN-A4-Seite.

Krisen verstehen und Beziehungen sichern

Der Fall von Anna B. zeigt, wie wichtig das Verstehen von Lebensgeschichten ist. Anfangs genoss sie Spaziergänge und Einkaufstouren. Mit fortschreitender Demenz änderte sich ihr Verhalten – sie wollte immer häufiger „zu ihren Eltern“ und die Bindungsqualität wechselte plötzlich von Vertrauen zu Misstrauen. Nach einer Fallkonferenz mit ihrer Tochter wurden Spaziergänge in die Stadt aus Sicherheitsgründen eingestellt.

Durch intensive Beziehungsarbeit festigte sich die Bindung. Das Team erkannte, wann Krisen auftraten und wie man vorbeugend handeln konnte – etwa durch vorsichtiges Betreten des Wohnbereichs oder kleine Freuden wie ein Eis oder Traubensaft im Weinglas. Manchmal bedeutet Begleitung auch, eine Krise gemeinsam durchzustehen und dabei immer wieder Beziehungsangebote zu machen.

Die Auseinandersetzung mit den Lebensgeschichten ist berührend und verändert den Blick auf die Bewohner:innen. Der Teamaustausch ist essenziell, um mit den Emotionen und Geschichten umgehen zu können. Das Aushalten und Mitgehen in Krisen erfordert Empathie, Geduld und Akzeptanz – manchmal ist einfaches Da-Sein die einzige Lösung.

Mehr dazu lesen Sie in der aktuellen Aktivieren. Ideen für Betreuungsangebote für Menschen mit Demenz finden sich in der Ideendatenbank des Portals AktivierenPlus. Der Zugang ist mit dem Abonnement der Zeitschrift bereits im Preis integriert und nach einmaliger Registrierung unbegrenzt möglich.

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