Demenz

„Musiktherapie als Leistung der Kassen anerkennen“

Die ,Bundesinitiative Musik & Demenz‘ wurde 2022 gegründet. Anlässlich des Welt-Alzheimertages in diesem Herbst monierte sie, dass es immer noch zu wenige musiktherapeutische Angebote für Menschen mit Demenz gibt. Was für deren Ausbau spricht, sagen Mitbegründer der Initiative im Interview mit Altenheim.net.

Im Interview: Kerstin Jaunich und Jan Sonntag, Mitbegründer der Bundesinitiative Musik und Demenz. Fotos: Victoria Pott bzw. Christina Körte.

Kerstin Jaunich: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Einrichtungen der Altenhilfe zum Beispiel haben Gestaltungsspielraum und können Musiktherapeuten, Musikgeragogen und qualifizierte Musikanleiter für effektive Angebote engagieren. Oft übernehmen dies aber bislang die Betreuungskräfte, oder es finden sich Ehrenamtliche, die Singkreise oder Sitztänze anbieten – mit ungeprüften Methoden, Haltungen und Wirkungen! Einrichtungsleitungen müssen noch stärker über musiktherapeutische und musikgeragogische Methodik und deren Wirkungen aufgeklärt werden, damit sie die Notwendigkeit erkennen, professionelle Versorgungsleistungen und Teilhabeangebote einzurichten – in Ergänzung und in engem Austausch mit den lobenswerten Aktivitäten von Musik-Amateuren.

Die Initiative fordert eine bedarfsgerechte Finanzierung nachhaltiger Strukturen und geeigneter Projekte im Bereich ‚Musik und Demenz‘. Welche Strukturmerkmale gelte es wie zu finanzieren – und aus welchen Töpfen?

Jan Sonntag: Um dem Bedarf an qualifizierten Musikangeboten angemessen zu begegnen, fordern wir die Einrichtung von regionalen „Kontaktstellen Musik und Demenz“ (KoMuD), in denen musiktherapeutische und musikgeragogische Fachkräfte Versorgungs- und Teilhabeangebote konzipieren, Akteure schulen und koordinieren. Diese Vermittlungsstellen sollen sinnvollerweise angedockt sein an bestehende Strukturen der Altenhilfe, zum Beispiel an Fachstellen für Pflege, oder an Einrichtungen des Musiklebens, zum Beispiel an Musikschulen oder dem örtlichen Musikverein. Diese Kooperationen würden Synergien hervorbringen und Förderprogramme der öffentlichen Hand oder privaten Stiftungen ansprechen. Darüber hinaus fordern wir für professionelle Musiktherapie eine berufsrechtliche Regelung und Anerkennung als Leistung der Kranken- und Pflegekassen.

Bei den aktuellen Reformdiskussionen rückt im Bereich Pflegeversicherung der Präventionsaspekt vermehrt in den Fokus. Warum wäre die Finanzierung von Musiktherapie als Kassenleistung ein richtiger Präventionsansatz, den es seitens der Kassen zu finanzieren gelte?

K.J.: Es ist vielfach nachgewiesen und in öffentlichen Medien mehr und mehr präsent, dass aktives Singen und Musizieren bei uns Menschen Körper, Geist und Gemeinschaftsgefühl stärkt und vorbeugend wirkt vor altersbedingten Veränderungen, wie auch vor Depressionen und Einsamkeit. Übrigens zählt zum Musizieren auch aktives Musikhören, das zum Beispiel Ausgangspunkt für Biografiearbeit und Persönlichkeitsstärkung sein kann. Daher ist es Aufgabe der Pflegekassen und auch ökonomisch relevant, dafür zu sorgen, dass jeder Senior und jede Seniorin mindestens einmal pro Woche an einem qualifizierten und auf Prävention hin konzipierten Musikangebot teilnehmen kann.

J.S.: Professionelle Musiktherapie als Präventionsangebot in den Katalog der Kassenleistungen aufzunehmen, böte zudem für bereits von Demenz betroffenen Personen unter anderem die Chance, Stürze zu verhindern oder depressive Symptomatik und Ängste zu entwickeln. Es geht hier auch darum, Kosten zu reduzieren, die durch vermeidbare Krankenhausaufenthalte, sei es in Psychiatrien oder somatischen Kliniken entstehen.

Einmal konkret auf das Angebot im Bereich Altenhilfe geblickt: In welchen Settings – ambulant, teilstationär, vollstationär – finden musiktherapeutische Angebote derzeit am häufigsten statt, wenn sie stattfinden?

J.S.: Musiktherapie findet punktuell und eher in größeren Städten vor allem in der stationären Altenpflege und dort überwiegend in der Begleitung von Menschen mit Demenz statt. Der ambulante Bereich ist praktisch nicht versorgt, was vor allem auf die mangelnden Finanzierungsmöglichkeiten zurückzuführen ist.

Gibt es überhaupt genügend therapeutische Fachkräfte, die das Angebot darstellen können – und welche Fort- und Weiterbildungen würden helfen, das Angebot zu verbreitern?

J.S.: Einer Schätzung zufolge würde, um das volle Potential professioneller Musiktherapie in Pflegeheimen zur Entfaltung zu bringen, bundesweit ca. 20.000 Fachkräfte in die Regelversorgung aufgenommen werden müssen. Das ist bei derzeit lediglich ca. 1.600 verbandlich organisierten Musiktherapeut:innen eine große Herausforderung. Sich dieser Herausforderung zu stellen, würde sich aber lohnen, denn verglichen mit anderen Leistungen im Gesundheitssystem ist Musiktherapie kostengünstig – und praktisch frei von unerwünschten Nebenwirkungen. Allerdings muss Musiktherapie im Sinne des Patientenschutzes von qualifizierten Fachkräften ausgeübt werden. Hier sind auch die Verantwortlichen für berufsqualifzierendes Studium und Ausbildung gefragt: Derzeit gibt es seitens der staatlichen und privatrechtlichen Ausbildungsinstitute Bestrebungen, die Ausbildungskapazität in der Musiktherapie deutlich zu erhöhen, was vor allem bedeutet, mehr staatlich akkreditierte Bachelor-Studiengänge auf den Weg zu bringen.

Stellen Sie fest, dass Altenhilfe-Einrichtungen in diese Fortbildungen für ihrer Mitarbeitenden investieren? Wird hier Bedarf nach Fortbildungsangeboten aus der Betreiber-Szene heraus formuliert?

J.S.: Das Wissen um professionelle Angebote im Bereich Musik & Demenz wächst allmählich, während eine starke Überzeugung vom Nutzen der Musik für Menschen mit Demenz bereits seit langem besteht. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft sprach bereits zu Anfang des Jahrtausends von Musik als “Königsweg” im Umgang mit Demenzbetroffenen. Um eine bedarfsdeckende Versorgung mit musikbasierten Angeboten zu erzielen, ist es wichtig, neben professioneller Musiktherapie auch Angebote zu erweitern, die durch niedriger qualifiziertes Personal durchgeführt werden. Die BIMuD hat eine von erfahrenen Dozent:innen geleitete zweitägige Fortbildung für Betreuungskräfte konzipiert und deutschlandweit zugänglich gemacht: Eine Minimallösung, damit musikalische Begleitung nicht völlig unbedacht und mit dem erwiesenen Risiko passiert, Schaden anzurichten. Entsprechende Fortbildungsangebote werden durch Pflegeheime bereits gut gebucht und die Nachfrage steigt mit wachsender Aufklärung über die positiven Effekte von Musik bei qualifiziertem Angebot.

Wie wirken musiktherapeutische, musikgeragogische, musikalisch-künstlerische und weitere musikbasierte bzw. -flankierte Angebote bei an Demenz erkrankten Menschen? Was also ist der konkrete Nutzen der Angebote für die Menschen mit Demenz aber auch für die Einrichtungen und deren Mitarbeitenden?

J.S.: Die Wirkungsstudien entstehen meist im Bereich der Musiktherapie und sind mit Vorsicht teilweise auf andere musik-basierte Interventionen oder Angebote übertragbar. In der Wirkungsforschung musikbasierter Unterstützungsangebote ist Lebensqualität ein verbreitetes Zielkriterium. Studien zeigen zudem, dass Musiktherapie und musikbasierte Interventionen neben den kognitiven Fähigkeiten auch Verhaltenssymptome wie Unruhe, Aggressivität oder Angst reduzieren und somit die Notwendigkeit von Psychopharmaka verringern (siehe Auflistung unten. Anm. d. Red.).

Wenn Sie auf die letzten drei Jahre seit Gründung der Initiative zurückblicken – was hat diese bislang erreicht? 

K.J.: Aufklärung, Qualifizierung, Vernetzung – das sind die Arbeitsfelder, auf denen wir viel erreicht haben: von Informations-Broschüren und Vorträgen über deutschlandweit angewandte Schulungskonzepte für Betreuungskräfte bis hin zu regionalen Vernetzungstreffen.

Sukzessive kontaktieren wir die Akteure der Musikszene, zum Beispiel Profi- und Amateur-Orchester, Musikschulverbände usw., um sie dabei zu unterstützen, Teilhabe-Angebote für Demenzbetroffene zu entwickeln und mit regionalen Akteuren der Altenhilfe zu kooperieren. Und genauso aufgeschlossen, engagiert und herzlich erleben wir die Akteure der Altenhilfe, zum Beispiel die Alzheimer Gesellschaften, die Fachstellen für Demenz und Pflege der Länder usw., denen wir Wege aufzeigen, Musik in ihr Versorgungsangebot aufzunehmen und auf ihre lokalen Musikschulen, Kirchenmusiker, Blasmusikvereine etc. zuzugehen.

Auf politischer Ebene engagieren wir uns inzwischen auch in der Nationalen Demenzstrategie, die dadurch eine von allen Beteiligten sehr willkommene, weil notwendige “Musikalisierung” erfahren hat.

Jüngst konnten wir die Demenzexpertin und Liedermacherin Sarah Straub als Botschafterin für die Bundesinitiative Musik und Demenz gewinnen. Durch ihr großartiges Engagement und durch ihre Musik wird das Thema nun auch verstärkt künstlerisch-sinnlich in eine breite Öffentlichkeit vermittelt.

Interview: Darren Klingbeil

Wirkungsebenen musiktherapeutischer und anderer musikbasierter Angebote (mit Quellen-Angaben):

  • Generelle Lebensqualität (Coulton et al., 2015; Batt-Rawden & Stedje, 2020; Galinha et al., 2021)
  • Verbesserung kognitiver Fertigkeiten (Särkämö et al., 2013; Tang et al., 2018; Gómez-Gallego et al., 2021)
  • Schmerzreduktion (Pongan et al., 2017)
  • Minderung Angst + Unruhe (Clements-Cortes, 2013; Coulton et al., 2015)
  • Schlafqualität (Satoh et al., 2015)
  • Linderung depressiver Symptome (Särkämö et al., 2015; Chen et al., 2020; Gulliver et al., 2021)
  • Verringerung von Stress (Sakamoto et al., 2013)
  • Verringerung Inappetenz (Sakamoto et al., 2013)
  • Intervention zur psychischen Gesundheit (Williams et al., 2018)
  • Intervention zur physischen Gesundheit (Fu et al., 2018; Chen et al., 2020)

(Auflistung von Prof. Dr. Jan Sonntag)

 

Die Expert:innen

Prof. Dr. Jan Sonntag, Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft, und Dr. Kerstin Jaunich, Deutsche Gesellschaft für Musikgeragogik, sind beide Mitbegründer:innen der Bundesinitiative Musik und Demenz (BIMuD), Website der Initiative

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