Demenz

Mit Brot und Bratapfel: Haus Stephanus macht Märchen sinnlich erlebbar

Das Haus Stephanus in Alsfeld hat ein besonderes Projekt gestartet: „Märchen erleben mit allen Sinnen“ verbindet Geschichten mit selbstgemachten Speisen und haptischen Erfahrungen. Für die Bewohner:innen werden Erinnerungen lebendig.

Märchenprojekt im Haus Stephanus
Das Märchenmobil bringt sinnliches Erleben direkt ans Bett. Foto: MinhLuis - GFDE Haus Stephanus

Märchen mit allen Sinnen erfahren

Frisch gebackenes Sauerteigbrot, duftende Bratäpfel und glitzernde Marmeladengläser schaffen im Haus Stephanus in Alsfeld eine besondere Atmosphäre. Am „Marktplatz“, der Event-Location des Alten- und Pflegeheims, versammeln sich Bewohner:innen mit ihren Angehörigen im Halbkreis, während eine Märchenerzählerin vor einem goldbraunen Brotlaib steht. Es ist der Auftakt des Projekts „Märchen erleben mit allen Sinnen“, das im Rahmen des Generationen-Gesundheitsnetzwerks durchgeführt wird. Das Landesprogramm „Pflegeheim – Mitten im Leben“ des Hessischen Ministeriums für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege fördert die Initiative.

Bereits Tage vor der eigentlichen Veranstaltung herrscht in den Wohnbereichen geschäftige Backstuben-Atmosphäre. Die Bewohner:innen kneten Teig, schneiden Äpfel und hacken Kräuter. „Wir legen hier Wert auf Handarbeit“, erklärt Projektkoordinatorin Minh Luis. „Viele Bewohner:innen kennen diese Tätigkeiten. Sie bringen ihr Können ein – und man sieht ihnen an, wie stolz sie darauf sind.“ Gemeinsam entstehen Sauerteigbrot, Bratapfelmarmelade, Kochkäse und Kräuterbutter – mit vertrauten Bewegungen aus früheren Zeiten.

Biografiearbeit durch sensorische Anker

Märchenerzählerin Silvia Völker vom Alsfelder Märchenhaus verknüpft geschickt die Geschichte von Frau Holle mit den zubereiteten Speisen. Während ihrer Erzählung wandern die Blicke der Teilnehmer:innen zu den belegten Brotscheiben. „Wir wollen, dass Märchen schmeckbar werden“, sagt Völker. Jedes Häppchen wird zum sensorischen Anker für Erinnerungen.

Die Wirkung zeigt sich unmittelbar: Eine Bewohnerin probiert den Kochkäse und lächelt: „So wie früher, als alles selbst gemacht wurde.“ Eine andere erzählt vom „Hasenbrot“ aus der Brotbox ihres Großvaters. Aus einem einfachen Bissen entsteht ein Gespräch, aus einer Erinnerung ein Stück Biografiearbeit. Die vertrauten Gerüche und Geschmäcker öffnen Türen zu persönlichen Geschichten und Erfahrungen.

Das „Märchenmobil“ bringt Teilhabe zu allen

Nach dem gemeinsamen Teil fährt das „Märchenmobil“ durch die Flure – ein Wagen mit Brot, Aufstrichen und einem alten Koffer voller Requisiten wie Zauberhut, Stoffmaus und Federn. So erreicht das Projekt auch Menschen, die nicht am Gruppenangebot teilnehmen können. „Gerade für Menschen mit Demenz oder für bettlägerige Bewohner ist das wichtig“, betont Luis. „Ein Hut auf dem Kopf, eine Maus in der Hand, ein Stück Brot im Mund – das weckt Erinnerungen, auch wenn Worte fehlen.“

Die Wirkung des Projekts zeigt sich nachhaltig in der gesamten Einrichtung. Mitarbeitende berichten von einer veränderten Atmosphäre – weniger Rückzug, mehr Begegnung, mehr biografische Wärme. „Märchen sind ein Schatz, der Generationen verbindet“, sagt Luis. „Und Handwerk ist eine Brücke zwischen früher und heute. Wenn Hände arbeiten, kommen Geschichten von selbst.“

Bereits jetzt entstehen neue Ideen: „Hänsel und Gretel“ mit Lebkuchen durften die Bewohner:innen noch im Dezember erleben, Märchen im Wintergarten mit Zimtduft oder ein Frühlingskapitel mit Kräutern aus dem eigenen Garten. Das Format stärkt Teilhabe und reduziert Einsamkeit – es ist mehr als ein Programmpunkt im Wochenplan. Es ist Kulturarbeit im Pflegeheim, die alle Sinne anspricht.

Hänsel und Gretel anders erleben

„Hänsel und Gretel“ ist ein Stoff über Angst, Hunger, Orientierungslosigkeit – und über das Wiederfinden des Weges. „Es ist erstaunlich, wie lebendig Geschichten werden, wenn man sie nicht nur hört, sondern baut“, sagt Betreuungsdienstleitung Luis. „Unsere Bewohner haben an diesem Lebkuchenhaus nicht einfach gebastelt – sie haben Grenzen überschritten. Motorisch, emotional und manchmal herrlich chaotisch.“

Silvia Völker, Märchenerzählerin aus dem Alsfelder Märchenhaus, erzählte in den Zimmern kurze, angepasste Passagen des Märchens – manchmal nur Bilder, manchmal ein Satz, der genau passte. Luis und das Team reichten Plätzchen, hielten Hände, sangen ein paar Takte des Liedes. Märchen wurden hier nicht konsumiert, sondern geteilt – in einem Tempo, das jeder Mensch mitgehen konnte.

Noch im Januar folgt das nächste Kapitel, möglicherweise mit „Aschenputtel“ – dann mit Linsen, Suppe und neuen Ritualen. Was bleibt, ist das Prinzip: Märchen als Handwerk der Seele, Gemeinschaft als Antwort auf Einsamkeit.

Passend dazu, ein bereits abgeschlossenes Projekt im Rahmen des Föderprogramms „Mitten im Leben“ im Haus Stephanus: Skulptur der Lebensfreude: Teilhabe neu gestalten