Demenz
Wenn Worte fehlen: Berührung schafft tiefe Verbindung
Therapeutic Touch (TT) ermöglicht eine achtsame, strukturierte Form der Berührung, die besonders bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz eine Brücke zur Außenwelt schafft. Die Methode fördert Entspannung, Körperwahrnehmung und emotionale Verbindung – auch wenn Worte längst ihre Bedeutung verloren haben.
Berührung als letzte Brücke zur Außenwelt
Frau M. liegt schwer dement überwiegend im Bett. Als die Betreuungsfachkraft sie mit einer sanften Initialberührung an Hand und Schulter begrüßt, schaut die Bewohnerin zunächst fragend und unsicher. Doch während der behutsamen Therapeutic Touch-Behandlung verändert sich ihr Ausdruck: Sie lächelt, entspannt sich sichtlich und genießt die achtsamen Berührungen. Es entsteht ein stilles Gespräch zwischen beiden – eine wortlose, aber tiefe Verbindung. Nach der Behandlung berichten Pflegekräfte von positiv verändertem Ess- und Trinkverhalten und einem seligen Lächeln der Bewohnerin.
Diese Szene verdeutlicht, wie wertvoll strukturierte, achtsame Berührung besonders bei fortgeschrittener Demenz sein kann. Die Haut als größtes Sinnesorgan bleibt oft eine der letzten funktionierenden Brücken zur Außenwelt. Über Millionen von Rezeptoren nimmt sie ständig Informationen über Temperatur, Druck und Berührung auf, die im Gehirn Gefühle, Erinnerungen und Reaktionen auslösen können.
Besonders bedeutsam sind dabei die C-taktilen Fasern: Sie sprechen auf langsame, sanfte Berührungen an und können Ruhe, Vertrauen und Verbundenheit auslösen. Gleichzeitig werden Hormone freigesetzt, die beruhigend wirken, Stress mindern und das Körpergefühl stärken – ein wissenschaftlich nachgewiesener Effekt, der in der Betreuung von Menschen mit Demenz gezielt genutzt werden kann.
Therapeutic Touch als strukturierte Methode
Therapeutic Touch ist eine in den 1970er-Jahren für den Pflegekontext entwickelte Methode, die bewusste, gezielte Berührungen einsetzt, um Menschen in ihrem Wohlbefinden zu unterstützen. Sie verbindet aktuelle Erkenntnisse zur physiologischen Wirkung von Berührung mit einem besonderen Gespür für das, was Menschen in belastenden Lebensphasen brauchen: Nähe, Orientierung und innere Balance.
Die Methode folgt einem klaren vierstufigen Prozess: Zentrieren (Achtsamkeitsübungen für die Betreuungsperson), Einschätzen (Beobachtung von Körperhaltung, Muskeltonus und Atmung), Behandlung (standardisierte Berührungsabfolge oder individuell angepasste Teilbehandlung) und Evaluation (Beobachtung der Wirkung und bewusster Abschluss).
TT unterscheidet sich von alltäglichen Berührungen durch die achtsame, empathische und klare Ausführung jeder Handlung. Jeder Kontakt beginnt mit der Erlaubnis, mit Beobachtung der Reaktion und mit der Bereitschaft, die Berührung sofort zu beenden, wenn sie nicht erwünscht ist. Entscheidend für die Wirksamkeit ist die innere Haltung: Wer TT praktiziert, bringt Präsenz, Einfühlungsvermögen und Wertschätzung mit.
Vielfältige positive Wirkungen im Betreuungsalltag
Die beobachteten Wirkungen von Therapeutic Touch sind vielfältig und wertvoll für den Betreuungsalltag. Bei Herrn D., einem weiteren Bewohner mit fortgeschrittener Demenz, zeigt sich dies deutlich: Seine anfänglich hohe Körperspannung lässt während der Behandlung merklich nach, seine Gesichtszüge entspannen sich, seine Bewegungen werden freier. Besonders bemerkenswert: Er bleibt über die gesamte Zeit wach und präsent – ein Zustand, der bei ihm sonst kaum zu beobachten ist. Die Berührung holt ihn ins Hier und Jetzt.
Zu den beobachteten Wirkungen gehören Entspannung und Stressabbau (ruhigere Atmung, sinkender Puls, Lösung innerer Unruhe), Angstreduktion (besonders wichtig bei der oft erlebten Unsicherheit bei Demenz), Linderung körperlicher Beschwerden (etwa bei Schmerzen oder muskulären Spannungen) und Stärkung der Körperwahrnehmung. Besonders wertvoll ist die Förderung von Beziehung und Kommunikation: TT wirkt als nonverbale Sprache, die Nähe und Verbundenheit vermittelt – auch ohne Worte.
Gewinn für Betreuende und Betreute
In der Ausbildung für Therapeutic Touch wird auch an der Selbst- und Fremdwahrnehmung gearbeitet, um professionell und adäquat auf die Bedürfnisse der Menschen mit Demenz eingehen zu können, aber auch eigene Bedürfnisse und Ressourcen zu erkennen. Viele Betreuungskräfte berichten, dass sie durch TT nicht nur professioneller, sondern auch gestärkter und achtsamer im Berufsalltag agieren.
Mehr dazu lesen Sie in der aktuellen Aktivieren. Ideen für Betreuungsangebote für alle Sinne finden sich in der Ideendatenbank des Portals AktivierenPlus. Der Zugang ist mit dem Abonnement der Zeitschrift bereits im Preis integriert und nach einmaliger Registrierung unbegrenzt möglich.
Passend dazu: Berührungen können Schmerzen und Angst lindern
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Sie haben noch kein Konto?
Jetzt registrieren