Demenz
Demenz: Wenn sich die Aufmerksamkeit verengt
Wie die Unfähigkeit zur geteilten Aufmerksamkeit das Verhalten von Menschen mit Demenz prägt und welche Strategien Pflegende nutzen können.
Demenz: Wenn sich die Aufmerksamkeit verengt: Im fortgeschrittenen Stadium der Demenz erleben und agieren Betroffene wie Kleinkinder. Das hat Sven Lind, Psychologe und Berater in der angewandten Gerontologie, in seiner jahrzehntelangen Praxis immer wieder beobachtet. „Typisches Verhalten wie das Spielen mit Puppen, spontane Gefühlsausbrüche oder motorische Automatismen wird ergänzt durch tiefgreifende Wahrnehmungsstörungen“, schreibt Lind in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Aktivieren. Besonders hervorzuheben ist laut Lind die Unfähigkeit zur geteilten Aufmerksamkeit: Betroffene können sich nicht auf mehrere Reize gleichzeitig konzentrieren.
Die Bedeutung des Ein-Reiz-Prinzips
Um Überforderung zu vermeiden, sollten Betreuungskräfte nur einen Reiz gleichzeitig anbieten. Das sogenannte Ein-Reiz-Prinzip hilft, die Belastungsgrenze zu respektieren und stressbedingte Reaktionen wie Unruhe oder Panik zu verhindern.
Beispiel einer Überforderung: Ein Spaziergang mit einer Betroffenen wird durch eine beiläufige Frage („Was ist das für ein Baum?“) ergänzt. Die zusätzliche kognitive Herausforderung führt zur Überforderung und Verunsicherung der Person. Hier wäre es besser gewesen, den Fokus allein auf das Gehen zu legen.
Ablenkung als therapeutisches Werkzeug
Die beschriebene Unfähigkeit zur geteilten Aufmerksamkeit kann Lind zufolge gezielt genutzt werden, um belastende Impulse bei Betroffenen durch positive Reize zu ersetzen. Es gibt zwei Arten von Ablenkung:
- Störendes Ablenken: Ein Beispiel ist, wenn Pflegende durch unbedachte Aktionen, wie freudiges Begrüßen, die Aufmerksamkeit von einer beruhigenden Tätigkeit wie Handtuchfalten ablenken.
- Therapeutisches Ablenken: Hierbei wird gezielt ein neuer Reiz eingeführt, um belastende Impulse zu verdrängen. Ein Beispiel ist, das Weglaufen zu verhindern: Eine Betroffene zeigt Anzeichen, nach Hause gehen zu wollen. Durch die Bitte, Gabeln abzutrocknen, wird ihre Aufmerksamkeit erfolgreich umgelenkt. Ein weiteres Beispiel ist Gehen als Ablenkung: Gemeinsames Gehen oder Gehen mit Singen kann beruhigend wirken und Realitätsverluste abmildern.
Praktische Implikationen für die soziale Betreuung:
- Reduzieren Sie die Reize im Umfeld, insbesondere laute Geräusche wie Fernseher oder Radio.
- Vermeiden Sie plötzliche Änderungen oder unerwartete Reize während einer Tätigkeit.
- Nutzen Sie einfache, monotone Aufgaben, um die Aufmerksamkeit der Betroffenen zu fesseln.
- Bieten Sie gezielt Ablenkungen an, wenn belastende Impulse auftreten.
Fazit: Das Ein-Reiz-Prinzip und die gezielte Ablenkung sind zentrale Werkzeuge im Umgang mit Menschen im schweren Stadium der Demenz. Sie tragen dazu bei, Überforderungen zu vermeiden, belastende Impulse zu lindern und das psychosoziale Gleichgewicht der Betroffenen zu stabilisieren.
Mehr dazu lesen Sie in der aktuellen Aktivieren. Weitere Ideen für die Betreuung von Menschen mit Demenz finden sich in der Ideendatenbank des Portals AktivierenPlus. Der Zugang ist mit dem Abonnement der Zeitschrift bereits im Preis integriert und nach einmaliger Registrierung unbegrenzt möglich.
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