Demenz
Selbsterhaltungstherapie: Wie bewährt sich das Konzept in der Praxis?
Bei der Selbsterhaltungstherapie (SET) geht es darum, den Alltag von Bewohner:innen mit Demenz an ihre Möglichkeiten, Grenzen und Bedürfnisse anzupassen. Das Pflegeheim St. Bilhildis in Mainz arbeitet seit 2006 mit dem SET-Konzept und hat dabei wertvolle Erfahrung gesammelt. Im Interview spricht Miriam von Bardeleben, Chefredakteurin Altenpflege und Aktivieren, mit Brigitte Lehmann und Ramona Thiessen über die Vorteile.
Altenpflege: Warum haben Sie sich für das SET-Konzept entschieden?
Brigitte Lehmann: Unsere Einrichtungsleitung wollte damals den Umgang mit der Demenzerkrankung zu einem Schwerpunkt der Einrichtung machen. Deswegen suchten wir gezielt Konzepte für einen professionellen Umgang mit den an Demenz erkrankten Menschen und stießen auf Frau Dr. Romero und die SET. Bei der SET handelt es sich um ein integratives Konzept, das verschiedene Ansätze der Betreuung demenziell Erkrankter vereint. Sie stellt den Menschen, sein Selbstwertgefühl, seine soziale Teilhabe und sein Wohlbefinden in den Vordergrund, ist ausschließlich ressourcenorientiert und ist wissenschaftlich fundiert. Das empfanden wir als eine perfekte Kombination.
Altenpflege: Welche weiteren positiven Effekte stellen Sie fest?
Brigitte Lehmann: Durch das Erzielen eines positiven Selbstwertgefühls und der Steigerung des Wohlbefindens werden auch auffällige Verhaltensweisen reduziert. Wir haben so gut wie keine Krankenhauseinweisungen wegen nicht händelbarer Verhaltensweisen. Gleichzeitig fühlen sich die Mitarbeitenden sicherer im Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen. Das macht das Miteinander insgesamt sehr viel einfacher. Hinzu kommt, dass wir durch unsere Spezialisierung andere Häuser entlasten können. Oft sind die Kapazitäten erschöpft; Pflegende kommen mit einem demenzerkrankten Menschen nicht mehr zurecht. Aufgrund unserer langjährigen Erfahrung mit dem SET-Konzept trauen wir uns dann trotzdem noch zu, ihn oder sie bei uns aufzunehmen.
Altenpflege: Wie nehmen Sie die Angehörigen mit in die Haltung, die bei SET zum Tragen kommt?
Ramona Thiessen: Durch den Umgang, den wir auf dem Wohnbereich vorleben, bekommen die Angehörigen automatisch einen anderen Blick. Wir versuchen aber natürlich schon auch, sie an die Hand zu nehmen. Es kommt immer noch vor, dass Angehörige Bewohner mit Defiziten konfrontieren – ohne, dass ihnen bewusst ist, welches Verhalten sie damit fördern oder auslösen. Dass wir das behutsam ansprechen, kommt langfristig gut an. Gerade wenn ein Bewohner lange bei uns war, bekommen wir am Ende oft ein sehr positives Feedback von den Angehörigen. Viele melden uns zurück, dass sie sich selbst gut begleitet und aufgehoben fühlten. Man wächst ja auch zusammen, weil Angehörige wie Pflegende beide für den Bewohner oder die Bewohnerin da sind und von gegenseitigen Informationen profitieren. Diese Zusammenarbeit wird bei uns im Team für sehr wichtig erachtet.
Altenpflege: Kommt es vor, dass Ihnen Angehörige erhalten bleiben, nachdem der Bewohner oder die Bewohnerin verstorben ist?
Ramona Thiessen: Tatsächlich, ja. Die Aufgaben, die sie übernehmen, sind sehr unterschiedlich: Einige unterstützen uns als Ehrenamtliche an der Pforte, andere machen Spaziergänge oder kommen für musikalische Angebote. Für sie gehörte es jahrelang zum Alltag, die Einrichtung zu besuchen. Sie haben eine Bindung zu anderen Bewohnern oder zu uns als Mitarbeitenden aufgebaut. Manche wollen auch einfach etwas Gutes schaffen. Und wiederum Andere sagen klar, dass sie jetzt erstmal Zeit für sich brauchen, versprechen aber, bei passender Gelegenheit wiederzukommen.
Altenpflege: Welche Erfahrungen machen Sie mit der interdisziplinären Zusammenarbeit, insbesondere mit der Sozialen Betreuung?
Ramona Thiessen: Wir arbeiten sehr eng miteinander, tauschen uns regulär aus, egal ob Pflegekraft, Soziale Betreuung, Reinigungskraft oder externe Therapeuten. Hier ist es normal, dass man miteinander spricht. Jeder und jede Mitarbeitende, die in irgendeiner Weise Kontakt zu den Bewohnern hat, nimmt ja auch irgendwie Einfluss auf deren Leben und Verhalten. Umso wichtiger ist es, dass jedem Mitarbeitenden bewusst ist: Mein Verhalten kann beim Bewohner etwas auslösen. Deswegen gehen wir bei Bedarf auch ins Gespräch und sagen: „Schau mal, damit löst du das oder das aus. Es wäre besser, wenn du so und so handelst.“ Das wird auch von allen akzeptiert. Solche Informationen kommen auch von der Sozialkulturellen Betreuung. Diese erleben mit den Bewohnern ganz andere Situationen, haben oft noch viel mehr Informationen. Sie können auch Tipps für die Pflege geben: „Ich habe beobachtet, dass … probiert mal so und so.“ Deswegen ist es auch so wertvoll, dass der Sozialkulturelle Dienst an unseren Besprechungen teilnimmt — wir können daraus einfach sehr viel positiven Benefit ziehen.
Altenpflege: Frau Lehmann, was fällt Ihnen als Qualitätsbeauftragte auf, wenn es um übergreifende Prozesse geht?
Brigitte Lehmann: Ich schaue mir bei der Pflegevisite oder vor der geplanten bewohnerbezogenen Situationsanalyse unter anderem die Dokumentation genau an. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass die Mitarbeitenden in der Pflege unglaublich viele Informationen von den Mitarbeitenden des Sozialkulturellen Dienstes bekommen. Diese haben einen sehr guten Blick aus einer anderen Perspektive auf die Bewohner, eine sehr gute Wahrnehmung, die sie auch sehr ausführlich und strukturiert in Berichten festhalten. Zum einen werden in diesen Berichten bestimmte Inhalte abgefragt, gleichzeitig gibt es aber auch Freitext zur Wahrnehmung und dem Erleben des Bewohners. Das ist extrem hilfreich für die Mitarbeitenden der Pflege und für unsere gemeinsamen Besprechungen.
Altenpflege: Die Dokumentation bei SET kostet Zeit. Was tun Sie, damit sich der Aufwand in Grenzen hält?
Ramona Thiessen: Vor vier Jahren waren wir tatsächlich an dem Punkt, dass wir uns hinterfragen mussten: Wollen wir mit SET weiterarbeiten oder gibt es vielleicht eine andere Lösung für uns? Da wir aber alle von diesem Konzept überzeugt sind, war schnell klar: Nein, wir wollen weiter den Weg mit SET gehen. Daraus ergab sich dann die nächste Frage: Gibt es vielleicht Punkte in der Dokumentation, die wir für uns erleichtern können? Bei genauerem Hinsehen stellte sich dann heraus: Es gab viele Dinge, die im SET-Dokumentationssystem, aber auch in der SIS bereits hinterlegt waren, sodass wir eine Doppel-Dokumentation hatten. Diese haben wir herausgenommen, ebenso wie Dinge, die uns redundant erschienen. Insgesamt konnten wir die Dokumentation zusammenführen und vereinheitlichen, ohne dass Informationen verloren gingen. Unaufwendig ist SET dennoch nicht. Aber man profitiert einfach davon. Die Arbeit, die wir in SET stecken, führt dazu, dass die Bewohner aufgefangen sind, dass die Mitarbeitenden mit jedem Bewohner und jeder Bewohnerin einen individuell angepassten, einfühlsamen und achtbaren Umgang haben und dass es seltener zu belastendem Verhalten kommt. Das ist letztlich eine Erleichterung für Alle.
(Interview: Miriam von Bardeleben)


Die Selbsterhaltungstherapie (SET) wurde vor über 30 Jahren von Barbara Romero entwickelt, um Wege aufzuzeigen, wie Menschen mit Demenz in ihrem Alltag fachlich fundiert unterstützt werden können. Zu den Hauptzielen der SET gehören:
- Der möglichst lange Erhalt der individuellen Fähigkeiten, der Selbstständigkeit und der sozialen Kompetenzen durch die Nutzung der jeweils noch vorhandenen Ressourcen im Alltag und durch soziale Teilhabe.
- Die Vermeidung bzw. Reduktion belastender Erlebens- und Verhaltensweisen.
- Der Erhalt des Wohlbefindens und einer subjektiv guten Lebensqualität sowie die Stärkung des Selbstwertgefühls und der Zuversicht.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Sie haben noch kein Konto?
Jetzt registrieren