Biografiearbeit
Das Erinnerungsfenster von Bamberg
Wo andere Häuser eine Erinnerungskiste für die biografische Schatzsuche einsetzen, geht das BRK-Seniorenwohnen „Am Bruderwald“ einen anderen Weg. Die Mitarbeiterinnen der sozialen Betreuung dekorieren einen Erinnerungsraum.
Wie durch ein Schaufenster können Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses im bayerischen Bamberg durch eine Glasscheibe ausgestellte Exponate betrachten. In der Folge entspinnen sich Gespräche und Erinnerungen werden wach. Sonja Riedler, die Leiterin der sozialen Betreuung, verweist auf die etlichen Aktivierungsmöglichkeiten, die sich durch das Erinnerungsfenster ergeben.
„Auf dem Weg zum Speisesaal oder als Ziel für das Gehtraining oder gemeinsam mit Angehörigen, täglich stehen mehrfach Menschen vor dem Fenster und spicken hinein“, so die 37-jährige Ergotherapeutin, die mit ihrem fünfköpfigen Team das Projekt jährlich im Herbst aufsetzt und über die Weihnachtsfeiertage realisiert. Bis zu acht Wochen ist das Fenster dann offen und der Raum kann von außen besichtigt werden.
Krauthobel als Startschuss
Angefangen hat das Projekt „Erinnerungsfenster“ mit einem alten Krauthobel. Den hatte eine Mitarbeiterin der sozialen Betreuung ins BRK-Haus mitgebracht. „Weil das gemeinsame Hobeln gut bei den Senioren ankam, brachte irgendwann eine Kollegin ein altes Waschbrett mit“, berichtet Riedler. Über die nostalgischen Haushaltshilfen gelang die Aktivierung fast spielend. Und so entstand die Idee, alte Gerätschaften zu sammeln und sie auszustellen.
In jedem Winter steht das Erinnerungsfenster unter einem anderen Motto. Die Hitliste führt das Thema Spielzeug an. Dreimal schon gab es eine Ausstellung zu und mit alten Spielwaren. Aber auch die 50er-Jahre, Weihnachten anno dazumal und Bamberger Bier sowie handgearbeitete Krippen kamen gut an. Über die Jahre fließt auch immer wieder stadtgeschichtliches in das Projekt ein. Neben den individuellen Erinnerungen.
„Ideen gibt es viele“, sagt Riedler. Doch die Kunst liege im stimmigen Sammeln und liebevollen Arrangieren der alten Gegenstände. Beim Bier war es in der heimlichen Bierhauptstadt Bamberg relativ einfach. Die weit über die Region hinaus bekannte Rauchbierbrauerei „Schlenkerla“ half mit Bierkrügen, Flaschen und Filzen aus. Aus dem örtlichen Brauereimuseum landeten ein paar alte Braumeisterschuhe im Erinnerungsfundus – mit Schriftzugprägung in der Schuhsohle. „Ansonsten stammen die meisten alten Dinge aus den Kellern der Kollegen, die durch manche Schätze der Bewohner ergänzt werden“, lacht Riedler: Schulbänke, Kreidetafeln, Langspielplatten, ein Petticoat, Teddybären, Bücher, Blechspielzeug und vieles mehr.
Eröffnung mit Publikum
Wenn die ansonsten als Clubraum genutzte, drei auf fünf Meter große Fläche mit den Gegenständen von der sozialen Betreuung drapiert wird, klebt blickdichtes Geschenkpapier an den Fenstern. Mit dicken Lettern steht darauf geschrieben, wann der Sichtschutz fällt. „Dann gibt es eine Eröffnung“, verdeutlicht Riedler. Etwa 20 Senioren sitzen dann gespannt vor dem Fenster und mit einem kleinen Quiz wird das Erinnerungsfenster geöffnet. Das sei meist ein großes Hallo!
„Den anderen Bewohnern ist das zu viel Trubel“, sagt die Ergotherapeutin. Viele kämen jedoch die Tage und Wochen darauf vor das bunte Fenster, um einen Blick hinein zu wagen. Zudem nutzen die Therapeuten die Komposition als Aktivierungsziel, gerade auch für Menschen, die ansonsten eher zurückgezogen leben oder immobil sind.
Ist der Raum, der unterjährig als Begegnungszimmer dient, erst einmal geschmückt, dokumentiert das Team der sozialen Betreuung das Projekt. So können alle 160 Bewohner des Hauses aus den drei Pflegestationen sowie dem betreuten Wohnen auch nach dem Abbau und Monate später immer wieder daran teilhaben. Zudem dienen die Fotos als Nachweis für ausgeliehene Artefakte, dass diese während der Ausstellung unbeschädigt geblieben sind.
Ist das Jahresthema einmal gesetzt und hat sich im Haus herumgesprochen, sei das Erinnerungsfenster fast ein Selbstläufer. Denn immer wieder würden Angehörige, Bewohner oder Gäste im Haus Gegenstände vorbeibringen. Oder neue Ideen anregen. „Für dieses Jahr planen wir etwas mit Handwerk bzw. ausgestorbenen Berufen“, verdeutlicht Riedler. Werkzeuge von Korbflechtern, Besenbindern und dem Klöppeln sind sicher wieder Hingucker. (Michael Sudahl)
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