Demenz

Mit Shakespeare Demenz verstehen

Dass sich Geisteswissenschaften und Medizin, insbesondere in der Gerontologie, wieder mehr aufeinander zubewegen und so ein besseres Verständnis vom Menschsein ermöglichen, dafür macht sich die Amerikanistin und Alternswissenschaftlerin Professorin Ulla Kriebernegg von der Universität Graz stark. Das teilt die Deutsche  Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) in einer aktuellen Meldung mit. Denn vor mehr als 100 Jahren spielte Goethes „Faust“ eine wichtige Rolle in der klassischen Medizin-Literatur. Heutzutage sind Kultur und Literatur in der Medizin dagegen eher ein Nischen-Thema.

Senior mit Krone, Foto: AdobeStock/ajr_images
Der alte König Lear hatte einst sein Reich an die falschen Töchter abgegeben – bald trachten sie ihm nach dem Leben, worüber Lear wahnsinnig wird und mit Tod, Angst und Trauer umgehen muss. Genauso mag es vielen Menschen mit Demenz gehen. Kunst und Literatur können im Umgang mit der Krankheit hilfreich sein. Schmuckbild: AdobeStock/ajr_images

„Kunst und Kultur können wertvollen neuen Input für ein holistisches Bild des alternden Menschen liefern“, erklärt Kriebernegg. Literarische Texte prägen der Kulturwissenschaftlerin zufolge unsere Wahrnehmung auch über das Altern und Krankheiten. Wie sich die Rezeption von literarischen Texten im Zeitverlauf verändert und auch etwas über unsere aktuelle Gesellschaft aussagt, lässt sich derzeit gut an der Geschichte von Shakespeares König Lear ablesen: „Während König Lear früher als milder, weiser Monarch galt, zeigen ihn neuere Theaterproduktionen als gefährlichen Diktator.

„In der Geratrie sitzen viele Shakespearesche König Lears“

Der britische Schauspieler Simon Russel Beale ist zudem überzeugt, dass Lear Symptome der Lewy-Body-Demenz zeigt. Aber ist das eine hilfreiche Diagnose?“, fragt Kriebernegg. „Und diese König Lears sitzen auch in der alltäglichen geriatrischen Praxis. Wie können wir mit diesen Menschen, die am Lebensende von Trauer und Verlust, Angst und Verzweiflung geprägt sind, umgehen?“ In ihren Augen können Literatur und Film hier wertvolle Hilfestellungen geben. Deswegen brauche es die Literaturwissenschaft, um Texte nicht in einer stereotypen Art oder mit gängigen, altersfeindlichen Bildern zu lesen, sondern auch nicht offensichtliche Themen herauszuarbeiten und Widersprüchliches aufzuzeigen.

Wie Geisteswissenschaften und Medizin wieder zusammenkommen können

Um wichtige Erkenntnisse beider Welten – der medizinischen und der geisteswissenschaftlichen – wieder stärker zusammenzubringen und so auch Altersdiskriminierung entgegenzuwirken, ist Professorin Ulla Kriebernegg vielfältig aktiv in Forschung und Lehre. „Mit meiner Arbeit möchte ich insgesamt zu mehr intergenerationeller Solidarität beitragen. Wir müssen besser verstehen und akzeptieren, dass Altern auch ambivalent ist und es nicht nur als Belastung wahrnehmen.“

Passend dazu: Gemeinsames Vorlesen von Weltliteratur verbindet