Angebotsplanung
Warum Musik oft mehr erreicht als Worte
Wenn Menschen mit Demenz nicht mehr sprechen können, reagiert ihr Körper oft noch auf Musik. Im Theodor-Fliedner-Haus Mannheim erleben Musiktherapeuten täglich, wie Bewohner:innen plötzlich Blickkontakt aufnehmen, ruhiger werden oder mitsingen. Trotzdem gibt es in vielen Pflegeheimen nur kleine Stellen oder Ehrenamtsangebote. Dabei könnte Musiktherapie weit mehr verändern als bislang anerkannt wird.
Herr Gracida, Sie arbeiten seit 2021 als Musiktherapeut im Theodor-Fliedner-Haus in Mannheim. Wie ist Ihr Angebot dort organisiert?
Mein Kollege und ich teilen uns eine volle Stelle, finanziert von der Theodor-Fliedner-Stiftung, Mannheim. Im Haus leben 90 Menschen. Auf verschiedenen Wohnbereichen bieten wir mindestens einmal in der Woche eine Musiktherapie-Gruppe an. Mittwochs steht übergreifend eine zusätzliche Singstunde an. Das ist unser Chor „Ohrenschmaus“. Daneben versuchen wir, möglichst alle Bewohnerinnen und Bewohner, die nicht in die Gruppenangebote kommen können, einmal in der Woche auch in der Einzeltherapie zu sehen.
Was unterscheidet die Gruppen- von der Einzelarbeit?
In der Gruppe arbeiten wir mit vorbereiteten Interventionen, von denen wir wissen, dass sie gut ankommen: viel Singen, Volks- und Schlagermusik, Operette, alles Mögliche. Studien zeigen, dass Singen im Alter sehr gesund ist, und unsere älteren Menschen singen sehr gerne. Hinzu kommen Aktivierung über Instrumente, Tanz- und Bewegungsangebote sowie Entspannungseinheiten mit live gespielter Musik, oft verbunden mit einer kleinen Klangreise. Spannend ist immer, was die Menschen selbst erzählen – von früher, von der Musik in ihrer Familie, vom eigenen Instrument.
Die Einzeltherapie ist für jene gedacht, die nicht in die Gruppe kommen können oder wollen, etwa weil sie bettlägerig sind, an einer fortgeschrittenen Demenz leiden oder körperlich beeinträchtigt sind. Wir gehen zu ihnen, weil wir möchten, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner Zugang zu Musiktherapie haben. Da passen wir uns ganz individuell an: Manche möchten singen, andere brauchen jemanden, der zuhört oder genießen es, wenn man für sie etwas spielt. Ich hatte mal einen ehemaligen Hornisten in der Einzeltherapie. Wir haben jahrelang über sehr viele klassische Musikstücke gesprochen, es ergab sich eine wunderbare Dynamik zwischen uns. Als seine Kräfte schwanden, wurde Musik immer stärker zu unserer Sprache.
Wie erreichen Sie Menschen, die nicht mehr ansprechbar sind?
Durch unsere Ausbildung erkennen wir Hinweise darauf, dass Musik wirkt – auch dann, wenn keine Worte mehr möglich sind. Wir arbeiten mit dem Atem, beobachten Mimik und Bewegungen. Oft merken wir, dass Menschen plötzlich wieder wach sind, uns anschauen, sich leicht bewegen, dass sich die Atmung verändert. Studien bestätigen, dass die Musik in solchen Momenten eine positive Wirkung hat.
Sie haben zusätzlich zu Ihrem Master-Studium der Musiktherapie eine neurologische Musiktherapie-Weiterbildung absolviert. Was bringt das?
Diese Fortbildung zeigt durch systematische Interventionen, wie Musiktherapie in der neurologischen Rehabilitation wirken kann, etwa nach einem Schlaganfall, wenn die Sprache verloren gegangen ist oder ein Arm sich nicht mehr gut bewegen lässt. Solche Interventionen unterstützen die Rehabilitation gezielt.
Welche Wirkungen beobachten Sie langfristig?
Aus meiner Erfahrung heraus: Selbst Bewohner:innen mit Demenz erkennen mich sofort, oft kennen sie sogar meinen Namen, obwohl sie nicht mehr wissen, was sie morgens gefrühstückt haben. Man sieht in der Mimik, dass ein Lächeln kommt, weil sie wissen: Jetzt kommt etwas Gutes. Körperliche Effekte sind schwerer selbst zu erfassen, aber Studien zeigen, dass die Menschen ruhiger werden und besser atmen. Das berichten uns auch die Pflegekräfte und die Sozialbetreuung. Wenn wir krank oder im Urlaub sind, merken sie den Unterschied und rufen an: „Seid ihr da?“
Sie haben auch ein Angebot für Mitarbeitende entwickelt.
Wir haben eine Umfrage gemacht und festgestellt, dass Interesse an Entspannungsangeboten besteht. In einer Pilotphase haben wir halbstündige Einheiten angeboten, die gut ankamen. Es hat sich gezeigt: Auch kleine Impulse helfen. Wenn wir auf der Station sind und mit Mitarbeitenden kurz über Musikgeschmack sprechen oder spontan ein Lied singen, sind das vielleicht zwei Minuten, aber sie wirken trotzdem erfrischend. Wer keine halbe Stunde frei hat, kann ja zwei Minuten mitsingen und ist danach wieder fit für die Arbeit.
Neben der Praxis sind Sie auch wissenschaftlich aktiv.
Gemeinsam mit Kolleginnen aus Kanada und Irland sowie mit Professor Alexander Wormit von der SRH Hochschule Heidelberg arbeite ich an einem Forschungsprojekt. Wir haben einen Erhebungsbogen entwickelt, mit dem Musiktherapeut:innen Daten älterer Menschen systematisch zusammenfassen können, um den Therapieplan besser zu gestalten. Drei von vier Phasen sind abgeschlossen. Bis Ende dieses Jahres testen Musiktherapeut:innen weltweit das Formular und geben Rückmeldung. Das Ergebnis soll als Praxisleitfaden veröffentlicht werden.
Wie ist Musiktherapie in deutschen Pflegeheimen insgesamt verankert?
Leider höre ich von Kolleginnen, dass es bundesweit wenig Unterstützung gibt. Professor Wormit hat erforscht, wie es um Musik und Musiktherapie in deutschen Pflegeheimen steht. Häufig gibt es entweder Musikangebote durch Ehrenamtliche oder nur sehr kleine Stellen, etwa 25 Prozent oder eine einzige Gruppe pro Woche. Wir sind ein gutes Beispiel dafür, wie es funktionieren kann. Eine ganze Stelle erzielt wirklich Wirkung. Ich würde mir wünschen, dass jedes größere Pflegeheim mindestens eine solche Stelle hat. Der Effekt auf die Lebensqualität wäre groß.
Müssen Sie um die Finanzierung Ihrer Stelle bangen?
Nein, wir sind der Stiftung und dem Theodor-Fliedner-Haus sehr dankbar. Musiktherapie gibt es im Haus bereits seit etwa 2015. Wir haben eine langfristige Perspektive, und das ist alles andere als selbstverständlich.
Die Fragen stellte Olga Sophie Ennulat.
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