Angebotsplanung
Pusten, Loslassen, Spüren: Lebensfreude und Therapie mit Seifenblasen
Physiotherapeutin Andrea Richter setzt Seifenblasen und Pusteblumen gezielt therapeutisch ein: für Atemförderung, Bewegungsimpulse und taktile Reize bei Bewohner:innen im Seniorendomizil am Lönspark.
Leichtigkeit als therapeutisches Prinzip
Andrea Richter, Physiotherapeutin und Fachtherapeutin Demenz, arbeitet als externe Therapeutin im Seniorendomizil am Lönspark in Hannover. Über die Jahre hat sie Seifenblasen und Pusteblumen zu einem festen Bestandteil ihrer therapeutischen Praxis gemacht. Was zunächst verspielt wirkt, folgt laut Richter einem klaren fachlichen Ansatz: Leichtigkeit und therapeutische Wirksamkeit schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich.
Atemtherapie ohne Übungscharakter
Das gezielte Pusten von Seifenblasen fördert eine tiefe und verlängerte Ausatmung. Richter beschreibt dies als spielerischen Weg, Elemente der Atemtherapie in die Behandlung einzubeziehen. Gerade älteren Menschen falle es häufig schwer, kraftvoll und ausdauernd auszuatmen. Eine bewusst verlängerte Ausatmung kann laut Richter zur Regulation des Nervensystems beitragen, Spannungen reduzieren und das Wohlbefinden fördern.
Bewegung entsteht nebenbei
Sehende Bewohner:innen greifen intuitiv nach den schwebenden Blasen. Richter nutzt diesen Impuls gezielt: Ohne Aufforderung, ohne Leistungsdruck und ohne das Gefühl einer klassischen Übung entstehen so Bewegungssequenzen, die Mobilisation und Koordination fördern können.
Taktile Erfahrungen für Menschen mit Sehbeeinträchtigung
Bewohner:innen mit Sehbeeinträchtigung erleben Seifenblasen auf einem anderen Weg. Wenn die Blasen sanft auf der Haut zerplatzen, entstehen feine taktile Reize, die bewusst wahrgenommen werden können. Der Moment, so Richter, werde so über die Haut erfahrbar und bekomme eine eigene Qualität.
„Danke, dass ich das erleben darf“
Eine stark eingeschränkte Bewohnerin sagte einmal sichtlich berührt zu Richter: „Danke, dass ich das erleben darf.“ Dieser Satz ist ihr nach eigenen Angaben besonders in Erinnerung geblieben. Er verdeutlicht, welchen Stellenwert kleine, außergewöhnliche Erlebnisse für Menschen haben können, deren Alltagsmöglichkeiten stark begrenzt sind.
Seifenblasen als Ritual, Pusteblumen als Symbol
Richter beschreibt zwei weitere Einsatzformen: Vor dem Pusten können Seifenblasen gedanklich mit guten Wünschen, schönen Erinnerungen oder Kraftgebendem gefüllt werden, um sie dann symbolisch auf die Reise zu schicken. Die Pusteblume wiederum steht für ein anderes Prinzip: Mit jedem Pusten dürfen Sorgen oder belastende Gedanken gedanklich losgelassen werden. Beides soll den Blick auf das Positive lenken und Zuversicht sowie innere Ruhe fördern.
Niedrigschwellig und alltagstauglich
Seifenblasen und Pusteblumen lassen sich laut Richter unkompliziert in unterschiedlichste Situationen integrieren: in die physiotherapeutische Behandlung im Freien, bei einer kurzen Begegnung auf dem Flur oder als Abschluss eines Besuchs. Der Aufwand ist gering, die Wirkung auf Freude und Verbindung zwischen Menschen sei spürbar.
Therapie als Begegnung
Richter formuliert ihr therapeutisches Selbstverständnis klar: Therapie dürfe mehr sein als Bewegung und Funktion. Sie dürfe Freude machen, Begegnung schaffen und das Leben spürbar machen. Seifenblasen und Pusteblumen stehen für sie für einen Ansatz, der fachliche Wirksamkeit mit Leichtigkeit, Lebensfreude und menschlicher Nähe verbindet.
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